Um das Verhalten, das Hunde im Zusammenhang mit ihrer Sexualität zeigen können, besser zu verstehen, ist es wichtig, einige Grundlagen zu kennen, die sehr häufig und immer noch zu Missverständnissen führen.
Inhalt:

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1. Die Ableitung hündischen Verhaltens vom Verhalten der Wölfe
Fraglos ist es bei einigen Verhaltensweisen nachvollziehbar, sie vom Urahn des Hundes abzuleiten, zumal es sowohl auf der Ebene des Verhaltens als auch auf körperlicher Ebene eindeutig einzelne wenige atavistische Merkmale, wie die schon erwähnte Scheinträchtigkeit gibt. Allerdings begründet das Vorliegen einzelner Merkmale keine Verallgemeinerungen.
In den Anfängen der Verhaltensforschung zum Hundeverhalten war der Wolf als Urahn unseres Hundes definitiv ein wichtiger Ansatzpunkt. Leider ist die wissenschaftliche Beschäftigung und Beforschung auch von Wölfen, sowie der Vergleich ihres Verhaltens mit Hunden in der Öffentlichkeit aber vielfach nur sehr oberflächlich wahrgenommen und dahingehend interpretiert worden, dass es gleichzusetzen wäre – obwohl es den Forschenden in der Regel sehr wohl darum ging, die Unterschiede herauszuarbeiten. Dieses Missverständnis ist leider bis heute in vielen Köpfen von Hundefreunden erhalten geblieben!
Die pauschale und unkritische Übertragung wölfischer Verhaltensregeln und -normen auf den Hund ist hochgradig unangemessen – der Hund hat sich in überwiegender Hinsicht ebenso deutlich und weit vom Wolf entfernt wie wir uns vom Cro-Magnon-Menschen und seinen Verhaltensnormen! Und ich bin mir ziemlich sicher, dass keiner meiner Leser mit diesem in Bezug auf sein Verhalten gleichgesetzt werden möchte (obwohl unser Verhalten so manches Mal weit stärker instinktgesteuert ist, als die meisten es vermuten würden!)
Diese Aspekte wurden und werden in der Forschung durch vergleichende Untersuchungen zu Wölfen und Hunden mittlerweile sehr differenziert herausgearbeitet, wie beispielsweise die systematischen Langzeit-Beobachtungen durch den Kynologen Günther Bloch im Rahmen der 1977 von ihm gegründeten und mittlerweile zur Hundepension umgewandelten Hunde-Farm „Eifel“ oder auch Feldforschungen zu verwilderten Haushundpopulationen, wie das zwischen Anfang 2005 und Ende 2007 von ihm durchgeführte „Tuscany Dog Project“ sowie durch den österreichischen Biologen und Verhaltensforscher Kurt Kotrschal am Wolf Science Center zum Verhalten, den kognitiven Fähigkeiten und diversen biologischen Fragestellungen. Hierbei muss immer berücksichtigt werden, dass freilebende Wölfe sich anders verhalten als Wölfe unter Gehegebedingungen, die zumindest soweit vom Menschen sozialisiert werden mussten, dass Forschungsarbeit überhaupt möglich wurde. Auch die dort untersuchten Hunde haben logischerweise eine andere Sozialisation durchlaufen als der normale Familienhund, dessen Verhalten in anderen Studien erforscht wurde und wird [2016 Howse, Melissa1].
Unterschiede zwischen Wolf und Hund bräuchte man nicht beforschen, wenn es sie nicht gäbe und man das Verhalten von Wölfen einfach 1:1 auf Hunde übertragen könnte!
Dabei sind nicht nur auf biologischer Ebene morphologische Veränderungen des Gehirns gemäß ihrer früheren Verwendung als Arbeitshunde inzwischen belegt [2019 Hecht, Erin E. et al.2], sondern es konnte auch durch die Verhaltensforschung nachgewiesen werden, dass genau diese morphologischen Veränderungen typische Auswirkungen auf das Kommunikationsverhalten der Hunde mit entsprechenden Folgen für das Verhalten allgemein haben [2016 Konno, Akitsugu et al.3 und 2022 Junttila, Saara et al.4] Um diese teilweise sehr rassetypischen Veränderungen möglichst weitgehend zu relativieren, arbeitet man am österreichischen Wolfsforschungszentrum heute vorzugsweise mit Mischlingen.
Umgekehrt zeigt sich, dass selbst dann, wenn Wölfe und Hunde das gleiche Verhalten zeigen, es durch unterschiedliche, beispielsweise hormonelle, Steuerungsmechanismen ausgelöst wird [2023 Wirobski, Gwendolyn et al.5]!
Die häufige Ableitung hündischen Verhaltens vom Verhalten der Wölfe ist vielfach irreführend, weil
- ein großer Teil des Verhaltensrepertoires unserer Hunde dem jugendlicher und nicht dem erwachsener Wölfe entstammt,
- sich die soziale Wahrnehmung des Hundes selbst im Laufe der Domestikation radikal verändert hat (Wölfe leben normalerweise im reinen Familienverband – frei lebende Streunerhunde in den unterschiedlichsten Sozialgefügen!)
- die interspezifische Sozialisation (der Hund wächst ja nicht mehr ausschließlich unter Hunden auf!) die Kommunikation in einen veränderten Zusammenhang bringt, der auch die Funktionsweise der ausgesandten Signale beinhaltet und
- Hunde vergleichsweise leicht erziehbar sind, wobei soziale Aufmerksamkeit als Verstärker eine besonders ausgeprägte Wirkung hat [2003 Call, Josep et al.6]und das Ausmaß der Orientierung am Menschen sogar von rassespezifisch unterschiedlich ausgeprägten Varianten der Rezeptoren abhängt ist [2013 Hori, Yusuke et al.7] – eine Tatsache, die für Wölfe eindeutig keine Rolle spielt!
Insbesondere der vierte Punkt bedeutet, das sowohl die Häufigkeit eines gezeigten Verhaltens, als auch der Zusammenhang, in dem es gezeigt wird, durch die Reaktion der menschlichen Bezugsperson grundlegend verändert wird, zumal Haushunde schon allein aufgrund ihrer Lebensumstände meist weit mehr und häufiger Zuwendung und Rückmeldung durch den Menschen erhalten als durch ihre Artgenossen [2017 Bradshaw, John, Rooney, Nicola8].
Die Folge ist, dass die Verhaltensmodifikation beim Hund auch ganz wesentlich mitbestimmt ist vom Verhalten des menschlichen sozialen Umfeldes, in dem er aufwächst und lebt. Dabei muss berücksichtigt werden, dass diese Verhaltensmodifikationen nicht nur einen speziellen Hund betreffen, sondern die Gesamtheit der in diesem Kontext lebenden Hunde. (Dieser Zusammenhang kann eine wichtige Rolle spielen bei der Übernahme von Tierschutzhunden aus dem Ausland oder aus schlechter Haltung, die dadurch ein „Verständigungsproblem“ sowohl mit der neuen menschlichen Bezugsperson als auch mit den unter anderen Verhältnissen sozialisierten Artgenossen entwickeln können und unter Stress geraten!)
Selbst zwischen freilebenden verwilderten und unter familiären Bedingungen aufgewachsenen Hunden können sich deutliche Verhaltensunterschiede zeigen, wie schon sehr früh im Tuscany Dog Project, aber auch mittlerweile durch eine ganze Reihe spätererer Studien zu den verschiedensten freilebenden Hundepopulationen nachgewiesen wurde, wobei nicht nur Umweltbedingungen eine Rolle spielen, sondern offensichtlich auch die entwicklungsgeschichtliche Entfernung vom Urahn Wolf.
Dabei zeigen Hunde eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an ein breitgefächertes Spektrum durch menschliche Anwesenheit erzeugter lokaler Umgebungsvariablen, die sie gekonnt in Lebensführung und Sozialverhalten integrieren. So können beispielsweise territoriale Grenzen und Rudelstrukturen phasenweise aufgeweicht werden, wenn in einer Region zu bestimmten Jahreszeiten durch Urlauber ein Nahrungsüberfluss entsteht oder Volksfeste stattfinden. Ebenso werden Ladenöffnungs- und -schlusszeiten von Hundepopulationen bei der Nahrungsbeschaffung berücksichtigt und öffentliche Verkehrswege und -mittel gezielt und routiniert genutzt. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede und Entwicklungen auch interner Verhaltenskodizes in Abhängigkeit insbesondere von Sozialisationsbedingungen. Freilaufende Hunde, die in eher ländlichen Gebieten aufwachsen und leben, verhalten sich auch untereinander anders als in urbaner Umgebung herangewachsene Hunde und Hunde, die bereits auf der Straße geboren wurden, unterscheiden sich im Sozialverhalten wiederum deutlich von Hunden, die zunächst in menschlicher/häuslicher Umgebung aufgezogen und sozialisiert wurden und erst später zu Streunern wurden. Sie entwickeln sich zu regelrechten Parallel-Gesellschaften, die sowohl gemeinsame als auch unterschiedliche und hochgradig differenzierte Kommunikationsebenen und -techniken verwenden [2014 Majumder, Sreejani Sen, Chatterjee, Ankita & Bhadra, Anindita9, 2020 Miternique, Hugo Capella & Gaunet, Florence10, 2020 Bhattacharjee, Debottam & Bhadra, Anindita.11, 2024 Biswas, Sourabh et al.12]
Diese große Variabilität und Komplexität hündischen Verhaltens, inklusive der darin vorhandenen (und auch genutzten!) multiplen Entwicklungspotenziale, auf einige wenige bei Wölfen beobachtete Verhaltensweisen reduzieren zu wollen, ist vollkommen abstrus!
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2. Wie entsteht Verhalten?
Der Ansatz vieler Hundeschulen /Hundetrainer, dass alle Hunde, vollkommen ungeachtet ihrer rassespezifischen oder auch individuellen Eigenschaften, mit der gleichen Methode (meist Futterbelohnungen) und zum gleichen Verhalten erzogen werden könnten, stößt, je nach Hunderasse, meist schnell an seine Grenzen oder erweist sich als Bumerang. Ein sehr territorialer Herdenschutzhund mit hoher Individualdistanz wird sich auch mit zentnerweise verfütterten Leckerli nicht in einen Zwergpudel oder Beagle verwandeln und eine ausgewachsene Kangalhündin mit stark ausgeprägtem aggressiven Brutpflegeverhalten in einer Großstadtwohnung und 50 anderen Hunden in der unmittelbaren Nachbarschaft ist nicht verhaltensgestört, sondern deplatziert! Darüber hinaus belegen inzwischen verschiedenste Studien, dass Hunderassen sich in Abhängigkeit von den ihnen angezüchteten Arbeitsprofilen, sehr deutlich unterscheiden und manche dabei sehr stark auf den Menschen, seine Anweisungen und Rückmeldungen bezogen sind – andere hingegen oft nur zu wenigen oder nur einem einzigen Menschen, ihrem Halter, einen wirklichen Bezug aufbauen, wesentlich unabhängiger agieren und lernen [2024 Lugosi, Csenge Anna &Pongrácz, Peter13]. Der von sehr oberflächlichen Hundetrainern nur allzu gern ins Reich der Fabeln verwiesene „Ein-Mann-Hund“ ist wissenschaftlich belegt und man tut gut daran, das bei Auswahl und Erziehung seines Hundes angemessen zu berücksichtigen. Das schließt individuelle Unterschiede und Abweichungen im Verhalten keineswegs aus, sondern gibt nur Hinweise auf Verhaltensweisen, Eigenarten und Fähigkeiten, die der Hund mit einiger Wahrscheinlichkeit haben oder entwickeln kann.
In der FCI (Fédération Cynologique Internationale), der weltweit größten kynologischen Gesellschafft für Rassehundezucht, wurde aus diesem Grund bereits vor längerer Zeit ein Bereich eingerichtet, in dem die zuständigen Zuchtvereine Informationen zu derartigen rassespezifischen Besonderheiten und ihrer Berücksichtigung bei der Erziehung der Hunde hinterlegen können.
Diverse Aspekte rassespezifischen Verhaltens sind erzieherisch nur teilweise veränderbar und nicht operativ durch Kastration, obwohl es durchaus hormonell gesteuert ist. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Verhaltensmodifikation mit Futterbelohnungen operantes Konditionieren ist und keine Erziehung im Sinne einer Sozialisation! Es kann sie auch nicht ersetzen.
Um dies zu verstehen, ist es wichtig, zu wissen, was Verhalten überhaupt ist und wie es entsteht.
Jedes Tier ist mit einem artspezifischen und stammesgeschichtlich entwickelten, genetisch festgelegten Grundgerüst von Instinkten ausgestattet, die für das Tier absolut überlebenswichtig sind – die „Hardware“ sozusagen.
Dieses Grundgerüst liefert aber eben nicht mehr als die Grundlage und muss durch Lernerfahrung an die Variablen unterschiedlichster Umgebungen ergänzt und angepasst werden (können) um die Überlebens-Chancen des Tieres zu verbessern – die „Software“.
Diese Anpassungen erfolgen zunächst nur auf der individuellen Ebene, also bei einem einzelnen Tier, können aber über verschiedene, beispielsweise epigenetische Prozesse, wiederum auf das zugrundeliegende ererbte Schema zurückwirken und es, neben eher zufälligen Veränderungen aufgrund von Mutationen, verändern.
Zu den Veränderungen durch eher zufällig entstandene Mutationen gehört die Fähigkeit der Hunde, im Gegensatz zu ihren wölfischen Vorfahren verstärkt pflanzliche Kohlenhydrate verstoffwechseln zu können – Veränderungen, die auf Verhaltensanpassungen an den Menschen beruhen, können vorzugsweise beim Territorial-, Jagd- oder auch Sexualverhalten beobachtet werden und erfolg(t)en nicht nur zufällig, sondern wurden auch teilweise gezielt und bewusst durch züchterische Selektion im Erbgut fixiert.
Verhalten ist also das sich dynamisch verändernde und ergänzende Resultat aus
- biologisch/genetisch vorgegebenem Rahmen und
- durch individuelle Erfahrungen/Lernen in und durch Interaktion mit der Umwelt angepassten Spielräumen,
die in unterschiedlichem Ausmaß genutzt werden (können).
Das bedeutet, dass das genetisch festgelegte Muster dem Tier (und damit auch uns Hundebesitzern) sowohl die Grenzen, als auch die Potenziale erzieherischer Einflussnahme vorgibt.
Dabei können für das Erlernen und Anpassen nicht aller, aber bestimmter Verhaltensweisen auf biologischer Ebene auch bestimmte Zeitfenster vorgegeben sein.
So durchlaufen die meisten Tiere unmittelbar nach ihrer Geburt eine Phase, innerhalb derer sie wesentliche art- und/oder auch rassespezifische Erkennungsmerkmale und Verhaltensweisen in der Regel vom Muttertier vermittelt bekommen und für die sie auch nur in dieser sensiblen Phase empfänglich sind. Da die während dieser Phase stattfindenden Modifizierungen oft unumkehrbar, also für den Rest des Lebens prägend sind, bezeichnen wir diesen Zeitraum als Prägephase.
Solche Zeitfenster können sich schließen und eine Veränderung des Verhaltens zu einem späteren Zeitpunkt schwierig oder sogar gänzlich unmöglich machen. („Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“)
Des Weiteren muss man unterscheiden zwischen fixen, also biologisch fest verankerten Handlungsmustern, die zwar einen Auslöser in der Umwelt haben können, deren mehr oder weniger automatisierter Ablauf aber vorgegeben ist und frei erlernbaren Verhaltensmustern.
Als fixe Handlungsmuster bezeichnet man komplexe und regelmäßige Muster stereotypen und autonom ablaufenden Verhaltens, deren Ausprägung nicht auf Erlernen angewiesen ist, sondern an angeborene Auslösereize gekoppelt ist. Ihre Aktivierung ist dabei abhängig von
- einer inneren Handlungsbereitschaft (appetitiv, emotional und/oder hormonell) und
- einem auslösenden Reiz oder Signal von ausreichender Stärke.
Dabei zeigt sich, dass die innere Handlungsbereitschaft ausschlaggebend ist für den Schwellenwert, den der Auslösereiz haben muss: Je höher die Handlungsbereitschaft ist, desto geringere Reize können das Handlungsschema abrufen.
Diese motorischen Programme sind zwar (zur Zeit noch) nicht unmittelbar im genetischen Code nachgewiesen, werden aber dennoch eindeutig vom Genom gesteuert und koordiniert. Hierüber mag die Forschung sicherlich in Zukunft noch präzisere Auskunft geben.
Ein sehr charakteristisches Beispiel dafür ist das Heben des Beines beim Urinieren männlicher Hunde, welches biologisch vorgegeben und an bestimmte hormonelle Entwicklungen (Eintritt in die Pubertät) gekoppelt ist. Ausgelöst wird es aber beim erwachsenen Rüden, abgesehen von einer gefüllten Blase, durch bestimmte Umweltreize, wie beispielsweise den Geruch einer läufigen Hündin, die Duftmarke eines anderen Rüden oder auch den Anblick eines bestimmten Objekts, das dem Hund zur Reviermarkierung als besonders geeignet erscheint. Typisch für dieses automatisierte Handlungsmuster ist, dass Rüden das Bein auch zum Markieren heben, wenn die Blase praktisch leer ist! Dabei spielt als Auslösereiz vor Allem, aber nicht ausschließlich, Konkurrenzdruck eine ganz wesentliche Rolle, der insbesondere während der Anwesenheit läufiger Hündinnen und/oder weiterer/rivalisierender Rüden erhöht ist. [2019 Lindsay, Steven R.14]. Wie hoch genau er das Bein dabei hebt oder welches seiner Hinterbeine er dafür bevorzugt, ist allerdings individuell unterschiedlich [2015 Gough, William & McGuire, Betty15].
Wenn Rüden innerhalb der Wohnung markieren, sollte man daher genau diesen Punkt näher betrachten und überlegen, wodurch der Konkurrenzdruck des Rüden innerhalb der Wohnung entsteht und wodurch seine Handlungsbereitschaft soweit erhöht ist und aufrecht erhalten wird, dass es Markierungsverhalten auslöst!
(Daneben ist sicherlich auch der Verlust der Blasenkontrolle in Betracht zu ziehen, der über eine Stress-induzierte Reduktion des Vasopressins bei entsprechend disponierten Hunden auftreten kann und im Zusammenhang mit den Wechselwirkungen zwischen Cortisol und Vasopressin bereits angesprochen wurde.)
Ein anderes Beispiel für ein fixes Handlungsmuster ist das Absteigen und Umdrehen des Rüden während des Deckaktes nach Bildung des kopulatorischen Blocks. Auch beim Absamen von Rüden in der Samenbank vollführen sie diese Bewegung – selbst, wenn es im Grunde genommen keine Hündin gibt, mit der sie durch einen Block verbunden wären und in dieser Weise absteigen müssten. Sie steigen dann üblicherweise über den Arm des Helfers, der das Futteral mit dem Sperma hält.
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3. Das Verständnis von Verhalten und dessen Auswirkungen auf die Erziehung
Das Verständnis von Verhalten als Summe biologischer Vorgaben und Umwelteinflüssen zeigt uns auf, dass wir bei der Erziehung eines Hundes immer auch die Entwicklungsgeschichte seiner Rasse (sofern es ein Rassehund ist), sowie seine bisherigen individuellen Erfahrungen berücksichtigen müssen, soweit bekannt. Auch ein zehn oder zwölf Wochen alter Welpe ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern hat ein biologisch festgelegtes Handlungsspektrum und wurde vom Muttertier geprägt. Und genau darum kann man aus einem Kangal keinen Zwergpudel oder Beagle machen, denn diese Rassen unterscheiden sich nicht nur äußerlich, sondern auch hinsichtlich ihrer biologischen Vorgaben zum Verhalten, sowie Zeitpunkt, Inhalt und Ablauf ihrer Prägephase in einigen Teilen ganz erheblich. Während der Beagle ein Jagdhund ist, der auf gemeinsame Jagd und Zusammenarbeit innerhalb relativ großer Meuteverbände gezüchtet wurde und darum eher geringgradig territorial ist bei gleichzeitig stark ausgeprägtem Jagdverhalten, hat man den Kangal auf Zusammenleben und -arbeiten im engsten Familienverband gezüchtet, wobei er wegen der zu bewachenden Herde keinen oder allenfalls mäßigen Jagdtrieb, wegen der Predatoren, vor denen er die Herde zu schützen hatte, aber sehr ausgeprägtes Territorialverhalten und Raubzeugschärfe haben musste. Gegenüber anderen Hunden hat er, im Gegensatz zum Beagle, eine wesentlich größere Individualdistanz, die im Rahmen züchterischer Selektion biologisch fixiert wurde. Bestimmte Aspekte der Prägephase laufen bei Herdenschutzhunden früher ab als bei Jagdhunden und sind danach auch nicht mehr beeinflussbar, was den Tierschutz vor besondere Probleme stellt, wenn fehlgeprägte Herdenschutzhunde aus Wohnungshaltungen praktisch nicht mehr vermittelbar sind.
In Bezug auf das Sexualverhalten können diese Unterschiede zum Tragen kommen, weil sehr territoriale Hunde oftmals stärkeres Konkurrenzverhalten entwickeln, was besonders bei den Hundedamen ein höheres Aggressionspotenzial während der aktiven Fortpflanzungsphasen mit sich bringen kann (nicht „muss“!) und da dies zwar nicht ausschließlich, aber überwiegend biologisch determiniert ist, ist unser erzieherischer Einfluss begrenzt.
In diesem Zusammenhang ist aber noch ein weiteres Missverständnis von weitreichender Bedeutung:
Die Verwechslung von Erziehung und Konditionierung.
Erziehung bedeutet die planvolle und zielgerichtete soziale Interaktion mit dem Ziel, durch Förderung und Vermittlung von Werten, Fähigkeiten, Normen und sozialen Kompetenzen den Hund in die Lage zu versetzen, sich innerhalb seines vorgegebenen Sozialgefüges zu integrieren und sich seiner Rolle/Stellung angemessen zu verhalten.
3.1 Der Werkzeugkasten „Konditionierung“: Potenziale und Einsatzgebiete
In der heutigen Hunde-Erziehung geht es im Allgemeinen darum, erwünschtes Verhalten auf- und unerwünschtes Verhalten abzubauen. Grundsätzlich sind dies sicherlich richtige Ziele, aber leider bleiben dabei die sozialen Kompetenzen auf der Strecke, die auch für den Hund die eigentliche Basis bilden zur Unterscheidung und Entscheidung zwischen unerwünschtem und erwünschtem Verhalten. Denn tatsächlich ist gerade das Sexualverhalten ein Bereich, in dem ein gesunder intakter Hund sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden kann und muss. Darüber hinaus sind auch die Vorstellungen und Erwartungen der Hundehalter von erwünschtem und unerwünschtem Verhalten einem lebendigen Wesen gegenüber leider oft überzogen und unrealistisch.
Sehen wir uns einmal fünf mögliche Methoden zum Aufbau erwünschten Verhaltens an:
- positive Verstärkung angemessenen Verhaltens
- negative Verstärkung angemessenen Verhaltens
- Shaping
- Chaining
- Fading
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3.1.1 Positive Verstärkung
Auf eine bestimmte erwünschte Verhaltensweise folgt eine angenehme Konsequenz (Futterbelohnung, verbales Lob, Spielzeug oder eine Spielsequenz). Dies sollte möglichst gleichzeitig stattfinden und mit geringstmöglicher zeitlicher Verzögerung. Dabei soll vor allem angemessenes Verhalten positiv verstärkt werden.
Diese Technik wird den meisten angehenden Hundebesitzern in Hundeschulen vermittelt.
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3.1.2. Negative Verstärkung
Bei negativer Verstärkung führt eine Verhaltensweise zum Ausbleiben einer aversiven Konsequenz. Oder, wie der Schwabe sagt:. „Ned g’schimpft isch gnua g’lobt!“ (Nicht ausgeschimpft, ist genug gelobt!)
Diese Technik wird zwar üblicherweise nicht in Hundeschulen vermittelt, findet aber de facto in der alltäglichen Praxis mindestens ebenso häufig seinen Niederschlag – zu Silvester und in jedem Tierarzt-Wartezimmer:
Meideverhalten bei Angst:
Hunde (aber oft auch deren Besitzer) meiden die Situation, die ihre Angst auslöst. Weil aufgrund der Meidung keine negative Konsequenz auftritt (ein relativer Erfolg also), wirkt sie als negative Verstärkung, die das weitere Verhalten der Meidung aufrechterhält oder im zeitlichen Verlauf sogar noch verstärkt! Eine besonders fatale Bedeutung kommt dabei den Hormonen Dopamin und Serotonin zu, da, wie bei der Erläuterung der Wirkungsweise des Serotonins, ein niedriger Serotoninspiegel in der Wechselwirkung mit Dopamin offenbar dazu führen kann, dass die Reaktionen auf solcherart belohnte Reize häufig kaum noch zu stoppen sind und niedrige Serotoninspiegel ohnehin ein bekanntes Risikopotenzial für die Entstehung von Angst- und Zwangsstörungen beinhalten.
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3.1.3. Shaping
Beim Shaping wird komplexes gewünschtes Verhalten, das nicht spontan gezeigt wird, schrittweise aufgebaut um den Hund nicht zu überfordern, indem man Annäherungen an das Zielverhalten immer wieder positiv verstärkt.
Shaping wird vorzugsweise eingesetzt zum
- Aufbau komplexen Verhaltens, das nicht zum normalen Verhaltensrepertoire gehört (beispielsweise Skateboardfahren)
- schrittweisen Abbau fehlerhaften Verhaltens.
Wie funktioniert Shaping?
- Zerlegung der Handlung in kleine, leicht erlernbare Teilschritte (Skills)
- Verstärkung: Anfangs werden alle sich dem Zielverhalten auch nur entfernt annähernden Schritte positiv verstärkt (belohnt)
- Stufenweise Annäherung: Mit der Zeit werden nur noch Verhaltensweisen verstärkt, die näher am gewünschten Zielverhalten liegen.
- Ignorieren nicht-zielkonformen Verhaltens: Verhalten, das nicht in die richtige Richtung geht, wird ignoriert (nicht bestraft!)
- Zunehmende Anpassung: Der Schwierigkeitsgrad wird schrittweise erhöht und die einzelnen Bausteine miteinander verknüpft, bis das endgültige Zielverhalten erreicht ist.
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3.1.4. Chaining
Im Prinzip entspricht das Chaining dem Shaping, Der Unterschied liegt darin, dass das Chaining auf Verhaltensschritten aufbaut, die das Tier von sich aus bereits zeigt.
Man unterscheidet Vorwärts-Chaining und Rückwärts-Chaining.
Beim Vorwärts-Chaining wird zunächst der erste Handlungsschritt verstärkt. Wird er beherrscht, wird der zweite Teilschritt angeschlossen und der erste, bereits erlernte Teil nicht mehr verstärkt, sondern stattdessen die Gesamt-Sequenz der Handlung.
Beim Rückwärts-Chaining werden die anfänglichen Handlungsschritte durch den Trainer oder eine Hilfsperson übernommen und lediglich der letzte Handlungsschritt vom Hund. Beherrscht er den letzten Schritt, wird der vorletzte Handlungsschritt vom Trainer weggelassen oder unvollständig ausgeführt und die Belohnung erfolgt auch hier nach Beendigung der Gesamtsequenz.
Ein Beispiel:
Der Hund soll lernen, Nüsse zu knacken. Man knackt zunächst selbst die Nuss so weit, dass der Hund die Nuss in der Nussschale gut sieht und riecht und sie daraufhin selbst herauslöst. Als nächstes klopft man nur noch ein sehr kleines Loch in die Schale und zum Schluss überhaupt keines mehr.
Beim Shaping und Chaining, die beide der Operanten Konditionierung zuzurechnen sind, werden üblicherweise Primär- und Sekundärverstärker eingesetzt.
Primärverstärker sind Objekte, mit deren Hilfe man das gewünschte Verhalten oder die zu übende Teilsequenz auslöst, wie beispielsweise ein hochgehaltenes Leckerli, um den Hund dazu zu bewegen, sich auf die Hinterbeine zu stellen. Sekundärverstärker dagegen sind die Belohnungen, die nach Zeigen des gewünschten Verhaltens eingesetzt werden. Wenn beispielsweise der Hund seinen Ball bekommt, nachdem er beim Suchen etwas korrekt angezeigt hat.
In der Hunde-Erziehung haben diese Verfahren sich in Form des Clickertrainings etabliert, bei dem der Hund zunächst auf den Clicker konditioniert wird, indem man ihm anfangs zu jedem Klicken beispielsweise ein Leckerli gibt, bis er das Klick-Geräusch mit dem Leckerli als Sekundärverstärker verbunden hat. Indem nun anschließend gewünschtes Verhalten möglichst punktgenau mit einem Klicken „belohnt“ wird, tritt die verstärkende Wirkung ein. Dabei kann zwar die Belohnung mit dem Clicker auch über Distanz zeitlich genauer abgestimmt werden als ein Leckerli, stellt jedoch gegenüber dem verbalen Lob keine Verbesserung dar [2021 Gilchrist, Rachel J. et al.16]. Für Hunderassen mit sehr starker Besitzerfixierung (Ein-Mann-Hunde) oft ungeeignet – sie sind meistens weitaus stärker an verbalem Lob, also der Stimme oder streichelnden Hand ihres Besitzers interessiert!
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3.1.5. Fading
Beim Fading werden nach und nach alle eingesetzten Hilfsmittel und Verstärkungen abgebaut, denn der Hund sollte nach Einüben des gewünschten Verhaltens dieses auf das entsprechende Kommando hin auch weiterhin zeigen ohne ständig mit Sekundärverstärkern belohnt zu werden.
Das Problem in der Hunde-Erziehung besteht nun darin, dass auf reiner Konditionierung basierendes Lernen ohne ständiges Üben und Belohnen sehr schnell verblasst und nicht mehr gezeigt wird. Sehr typisch ist auch, dass manche Hunde, wenn sie nicht spätestens beim dritten Mal das erwartete Leckerli erhalten, zu weiteren Aktionen nicht mehr bereit sind. Man muss also regelrecht beim Hund eine Dienstleistung „einkaufen“. In diesem Fall ist die Belohnung mit verbalem Lob dem Einsatz von Leckerli eindeutig vorzuziehen. Diverse Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass die Reaktionen auf zuvor belohnte Reize, die nicht mehr verstärkt werden, bei Tieren mit niedrigen Serotonin-Werten schwer zu stoppen sind. Diese Verhaltensweisen hängen mit der Wirkung des Serotonins auf das Belohnungszentrum und seinen Wechselwirkungen mit Dopamin zusammen.
Ein anderes Problem kann auftreten, wenn der Hund einfach satt ist. Dazu habe ich im Internet regelrechte Hilferufe von Hundebesitzern gefunden: „Hilfe! Mein Hund will kein Leckerli!“.
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3.2. Erziehung und Konditionierung: Sozialisation und Ausbildung
Stellt man nun die Definition von Erziehung den Möglichkeiten der Konditionierung gegenüber, zeigt sich schnell, dass Konditionierung sich zwar prächtig eignet, um dem Hund bestimmte (einzelne!) Verhaltensabläufe und -techniken anzudressieren – zu Ausbildung und Erwerb sozialer Kompetenzen jedoch denkbar ungeeignet ist. Genau auf diese kommt es aber (nicht nur) beim Sexualverhalten in allererster Linie an.
Man könnte es vielleicht mit einem Schulkind vergleichen, dem man einerseits Techniken des Lesens, Schreibens und Rechnens beibringen möchte und andererseits die soziale Kompetenz, andere ausreden zu lassen und sich nicht ständig auf dem Schulhof zu prügeln. Beides hat seine Berechtigung und ist wichtig, aber dennoch erfordert die Vermittlung dieser Fähigkeiten eine unterschiedliche Herangehensweise.
Erziehung basiert auf den Erfahrungen des Hundes und kann nur in der sozialen Interaktion stattfinden. Wenn man jedes auch nur ansatzweise in Richtung eines Sexual- oder Status-bedingten Verhaltens gehende Verhalten bereits im Keim erstickt anstatt es ihm zugänglich und erlernbar zu machen, ist es dem Hund nicht möglich, Erfahrungen zu sammeln aus denen er ein angemessenes Verhalten ableiten könnte. Verhalten, welches während der Pubertät erlernt werden muss, wie beispielsweise der Umgang mit dem anderen Geschlecht, Verhalten gegenüber Konkurrenten und ähnliches kann man auch nicht durch Kastrations-Chips unterbinden und auf einen späteren Zeitpunkt verschieben ohne zu riskieren, dass der Hund sich fehlerhaft entwickelt.
Das Problem daran ist nämlich, dass der Hund dann unter dem Einfluss des Hormon-Chips nicht nur von anderen Hunden vollkommen anders wahrgenommen und behandelt wird, sondern auch sein eigenes Geruchsempfinden verändert ist mit der Folge, dass er die olfaktorischen Botschaften der anderen Hunde, sowie ihre Reaktionen auf sich selbst fehlinterpretiert und diese Fehlinterpretationen als Erfahrungen abspeichert, auf deren Grundlage er sein spätereres Verhalten ausrichtet. Und Um-Lernen ist sehr viel schwerer als Neu-Lernen.
Es ist also wichtig, Erziehung im Sinne von Sozialisation und Ausbildung, als Vermittlung von Fertigkeiten und Fähigkeiten auseinanderzuhalten und beides im jeweils passenden Zusammenhang und zum jeweils passenden Zeitpunkt einzusetzen!
Eine gute Ausführung dazu: Hunde lernen durch Verstehen statt Konditionierung und Dominanz (Martin Balluch)
Ebenso wichtig ist, sich bei der Anschaffung eines Rassehundes vorher möglichst gut über dessen Eigenschaften zu informieren. Bei ProMis (Promenaden-Mischlingen) geht das natürlich nicht und dann muss man sensibel und flexibel genug sein, darauf ein- und damit umgehen zu können. Und vor allen Dingen muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass es auch bei Erziehung und Ausbildung eines Hundes Grenzen gibt. Wenn man aus einem Herdenschutzhund kein frommes Lämmchen machen kann, ist das kein persönliches Versagen – egal, was andere dazu meinen und von sich geben. Er wird auch nicht fliegen lernen. Und die Potenziale und Vorlieben des Hundes kann man mit ein wenig Gespür meist gut herausfinden – man muss ihn einfach nur mal beobachten. Die Interessen sind bei Hunden ebenso unterschiedlich wie auch bei uns Menschen! Von all meinen Hunden war keiner wie der andere.
Mein derzeitiger Rüde ist beispielsweise ein regelrechter „Überflieger“ und unglaublich interessiert an allen möglichen technischen Dingen wie Pedalen, Hebeln, Rädern und vielem mehr. Er hat mich mit seiner Kreativität und dem Unfug, den er angestellt hat, anfangs fast in den Wahnsinn getrieben. Bis ich zu der Erkenntnis gekommen bin, dass der Wind niemals aus einer falschen Richtung weht, sondern man nur möglicherweise die Segel falsch gesetzt hat. (Manchmal steht man sich nämlich auch selbst im Weg herum!) Anstatt mit ihm zu schimpfen, weil er ständig Schubladen,Türen und Schränke auf- und zumacht, Licht an- und ausknipst, mir persönlich eingespeichelte Papier-Matschekügelchen in die Hand drückt, seine abgeknabberten Rippchen in meine Besteckschublade sortiert, über Nacht alle Nüsse aufisst und an allen Häusern die Leute aus ihren Wohnungen klingelt, habe ich nun beispielsweise seine Faszination für Schalter und Klinken einfach mit einem Kommando verbunden und nun macht er mir, wenn ich mit einem vollen Wäschekorb unterwegs bin, mit Begeisterung die Türen auf und zu und Vieles Vieles mehr. Man sollte eben nicht immer nur die eigenen Vorstellungen und Ideen im Blick haben, sondern auch offen sein für das, was der Hund einem anbietet – nicht nur ihm die eigene menschliche Welt zeigen, sondern mit ihm gemeinsam auf Entdeckungsreise in seine ganz persönliche Hundewelt gehen!
Zwei der wichtigsten erzieherischen Aspekte sind Impulskontrolle und Frustrationstoleranz. Wenn der Welpe geboren wird, sind ausnahmslos alle seine Bedürfnisse zwingend lebenswichtig und dringend. Entsprechend schnell und intensiv kümmert sich seine Mutter um deren Befriedigung. Je älter er wird, desto mehr Bedürnisse kommen hinzu, die zwar wichtig, aber nicht existenziell und auch weniger dringend sind. Der Welpe, der zunehmend agiler wird, folgt diesen seinen Antrieben, beziehungsweise Impulsen zunächst ungefiltert und unmittelbar. Hier setzt bereits die Erziehung seiner Mutter an. Sie bringt die Bedürfnisse in eine Rangfolge und implementiert Filter, die der Welpe erlernt – Abstufungen der Wichtigkeit seiner Bedürfnisse bis hin zum Verbot. Ebenso lernt er, die Befriedigung von Bedürfnissen auf einen späteren, günstigeren Zeitpunkt zu verschieben. Ein Verbot löst zunächst Frustration aus und er muss lernen, diese Frustration auszuhalten (Frustrationstoleranz). Die Verschiebung der Bedürfnisbefriedigung löst ebenfalls primär Frustration aus – die Erfahrung, dass dieses Bedürfnis zu einem späteren Zeitpunkt umso besser befriedigt wird, führt zu einer (An-) Spannung, vergleichbar unserer Vorfreude auf Weihnachten, den Geburtstagskuchen oder Ähnlichem. Der Hund lernt durch Erfahrung (!), einem ersten Impuls nicht grundsätzlich und sofort zu folgen, sondern abzuwarten und die sich aufbauende Spannung auszuhalten, weil es hinterher dafür umso schöner ist. Er lernt, seine Impulse zu kontrollieren und an Situationen anzupassen. Das ist ein, allerdings sehr sehr anstrengender, Lernprozess und von grundlegender Bedeutung im Rahmen der sozialen Kompetenz, der nach dem Umzug zum späteren Besitzer unbedingt fortgeführt und an die dortigen Bedingungen angepasst werden muss. Impulskontrolle wird heute in (fast) allen Hundeschulen behandelt und die Übungen dazu betreffen praktisch alle Lebensbereiche und lassen sich dort integrieren. Das fängt bereits beim Leinentraining an, wenn der Welpe lernt, nicht sofort überall hinzurennen und reicht bis zur Sexualität der Hunde, wenn der Rüde lernen muss, dass er nicht jede läufige Hündin decken und die Hündin, die, wenn sie selbst läufig wird, nicht jede Konkurrentin abmurksen darf und manchmal sogar eine Zusammenarbeit mehrerer Hündinnen Vorteile bringen kann, die aber nur klar werden, wenn man sie nicht vorher schon um die Ecke gebracht hat.
Frustrationstoleranz und Impulskontrolle sind zwar unterschiedliche Kompetenzen, die aber Hand in Hand gehen.
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4. Sozialstatus und Dominanz
Dieser Begriff wird häufig ebenfalls nicht wirklich korrekt verstanden, weil die meisten menschlichen Erklärungsansätze von einem streng hierarchischen und von oben nach unten strukturierten Modell ausgehen.
Das Verhalten von Hunden ist aber weit komplexer und weniger auf aggressive Auseinandersetzung programmiert als vielmehr auf gutes und erfolgreiches Zusammenleben. [2008 Bonnani, Roberto17]. Dem entsprechend orientiert sich die Rollenverteilung innerhalb von Hundepopulationen – normalerweise – nicht an einer simplen und aggressiv ausgekämpften Oben-Unten-Hackordnung, sondern an Kompetenzen, die individuell sehr unterschiedlich verteilt sein können. So konnte 2022 Chijiiwa [2022 Chijiiwa, H. et al.18] in verschiedenen Experimenten nachweisen, dass vorzugsweise Hündinnen Menschen sehr genau bei der Lösung von Aufgaben beobachten und im Anschluss wesentlich mehr Zeit in der Nähe der Personen verbringen, die die Aufgaben schneller gelöst hatten. Sie beurteilen also eindeutig die Kompetenz ihrer Sozialpartner und das Ausmaß der Kompetenz ist ein entscheidendes Kriterium für soziale Attraktivität. Dabei gibt es zwangsläufig immer auch Tiere, die insgesamt mehr Kompetenzen bündeln als andere und, dadurch bedingt, allgemein stärkeres Durchsetzungsvermögen an den Tag legen, so dass ihnen insgesamt mehr Führungskompetenzen zufallen. Eine Rangordnung resultiert dabei nicht aus der Verteidigung einer aggressiv erkämpften Position von oben nach unten, sondern aus der respektvollen Akzeptanz/Unterwerfung des „Rangniederen“ unter die von ihm anerkannte Führungskompetenz des Anderen – also von unten nach oben! [2017 Bradshaw, John, Rooney, Nicola, a. a. O.]
Wenn beispielsweise der Hund mit der besten Jagdstrategie die Jagd anführt – auch, wenn er vielleicht kleiner sein mag als ein anderer, profitiert das ganze Rudel davon und wird satt! Und darum wird sich ein größerer und vielleicht auch stärkerer Hund mit schlechterer Jagdstrategie gern von sich aus dem kleineren unterordnen! Er wird ihm von sich aus das Vorrecht auf Futterressourcen zugestehen, die dieser benötigt, um auch in Zukunft seine Fähigkeiten zum Wohle des gesamten Rudels einsetzen zu können. Und an der Frage, ob er die ihm eingeräumten Vorrechte zwar nutzt, aber nicht missbraucht, entscheidet sich, ob er ein guter oder schlechter „Chef“ ist. Frisst er die Beute nämlich ganz allein auf und legt sich anschließend schlafen, während der Rest des Rudels kurz vorm Verhungern ist, dann ist er de facto kein guter Anführer und kein Rudelmitglied wird ihm auf Dauer folgen, geschweige denn, ihn respektieren. Eine „natürliche Autorität“ aufgrund von Kompetenz und zum Wohle der Gemeinschaft ist bei Hunden also hochgradig erwünscht – Despotismus dagegen nicht! (Das gilt auch für menschliche Rudelchefs!)
Warum geht der Rudelführer vorn?
Als Griepto bei uns einzog, lebte bei uns der alte Otto und die Junghündin Banja. Griepto respektierte Otto als den älteren und erfahreneren Rüden. Nachdem Otto aber ein Nierenversagen erlitten hatte und lange brauchte, um wieder auf die Pfoten zu kommen, übernahm Griepto – ohne große Begeisterung, aber aus der Notwendigkeit heraus – die Position des führenden Rüden.
Später kam Gilla dazu und das Rudel bestand aus der mittlerweile selbstbewussten und kräftigen Hündin Banja, Griepto, dem inzwischen greisen Otto und dem Welpen Gilla. Auf einem Spaziergang wurden wir von einer Hündin frontal angegriffen. Banja und Griepto „schnappten“ Otto und Gilla zurück, die sofort nach hinten wichen, und stellten sich Schulter an Schulter vor die beiden anderen und neben mir auf, um die angreifende Hündin in Empfang zu nehmen, während Otto und Gilla sich hinten ruhig verhielten.
Wenn Leittiere vorausgehen, geht es nicht darum, eine Vormachtstellung zu behaupten, sondern darum, dass die stärksten und erfahrensten Tiere das Rudel nach vorn absichern, potenzielle oder tatsächliche Gefahren abwehren und die schwachen und unerfahrenen Rudelmitglieder schützen!
Das Gleiche gilt für eine erhöhte Sitz- oder Liegeposition des Leittieres/der Leittiere. Sie dient dazu, herannahende Gefahren frühzeitig zu bemerken und darauf reagieren zu können. (Darum saß der „Spitz“Mistkläffer“ eben in früheren Zeiten oben auf dem Misthaufen und lag nicht daneben auf dem Boden!)
In Situationen, in denen keinerlei Gefahren oder unangenehme Überraschungen zu erwarten sind, ist Vorausgehen oder erhöhtes Sitzen/Liegen also keineswegs zwingend erforderlich! (Es steht auch nicht im Gegensatz zu den oben verlinkten Aussagen Balluchs, denn es ist kontextbezogen!)
Rudelführung ist also nicht irgend ein imaginäres Recht des Stärkeren, Größeren oder resultiert daraus, dass man den Hund gekauft hat, sondern sie ist eine sehr konkrete, aus Kompetenz erwachsene Verpflichtung gegenüber dem restlichen Rudel!
Das schließt aggressive Auseinandersetzungen zwar nicht vollkommen aus, reduziert sie aber ganz wesentlich.
Dabei muss ich klar feststellen, dass sich die Bewertung von Kompetenzen durch Hunde oft an gänzlich anderen Punkten festmacht als für uns Menschen. Teilweise, aber nicht immer sind sie gut erkennbar, doch ich selbst habe trotz langjähriger Hundehaltung mitunter gerätselt, welches Kriterium/welche Kriterien für welche Hunde und in welcher Situation ausschlaggebend war.
Gar nicht so selten habe ich erlebt, dass Menschen beispielsweise einen kleinen Hund belächelt haben, der gegenüber einem weit größeren Dominanzgesten zeigte, weil aus ihrer Perspektive die Führungsrolle eindeutig bei dem größeren Hund hätte liegen müssen. Für die Hunde selbst spielte die Größe aber keineswegs eine Rolle und der größere Hund ordnete sich gern und bereitwillig dem kleineren unter, ohne dass es zu irgendwelchen Auseinandersetzungen oder auch nur Drohgebärden gekommen wäre.
Unsere eigene menschliche Wahrnehmung von Situationen oder Verhältnismäßigkeiten unterscheidet sich teilweise deutlich von der des Hundes und kann und darf folglich auch nicht einfach auf diesen übertragen werden!
In diesem Zusammenhang fällt dann meist auch der Begriff der Dominanz.
Oft wird der Begriff „Dominanz“ benutzt, um Charaktereigenschaften einer Hunderasse oder eines Hundes zu beschreiben. Tatsächlich beschreibt der Begriff der Dominanz aber lediglich die Beziehung spezieller Individuen (!) untereinander zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einer bestimmten Situation und nicht ein Persönlichkeitsmerkmal! [2017 Bradshaw, John, Rooney, Nicola, a. a. O.] Ebenso wenig ist ein Dominanzverhältnis grundsätzlich als statisch zu betrachten, sondern auch, wenn es über einen gewissen Zeitraum stabil bleiben kann, abhängig von vielen verschiedenen und veränderlichen Einflussfaktoren.
Die häufige Fehldeutung aggressiven Verhaltens von Hunden als vermeintlich „testosterongesteuertes Dominanzverhalten“ basiert praktisch immer auf genau dieser oben geschilderten falschen Vorstellung eines statisch-hierarchischen und von oben nach unten funktionierenden Statusmodells in Kombination mit falsch verstandenen Vorstellungen zur Dominanz. Und genau daran krankt diese Vorstellung auch. Das Problem dabei ist, dass dem Hundebesitzer nur in den seltensten Fällen bewusst ist, dass der Hund von ihm, dem Halter, Schutz und Führungskompetenz erwartet.
Gerade die Halter großer Hunde schaffen sich ihre Hunde nämlich nicht selten aus dem genau gegenteiligen Motiv an: Sie erwarten den Schutz vom Hund. Wenn dies in der Realität auch oft zutreffen mag, so liegt der Grund dafür aber darin, dass der Hund – aus seiner Perspektive – den Halter in bedrohlichen Situationen der Gefahrenabwehr unterstützt, wie es unter der Frage des vorn gehenden Rudelführers beschrieben ist: Die stärksten Tiere standen zu meiner Unterstützung an meiner Seite! Seinen Halter bei der Abwehr potenzieller oder tatsächlicher Gefahren zu unterstützen ist aber etwas vollkommen Anderes als die Führungsrolle dabei zu übernehmen!
Mangelt es dem Rudelführer an Kompetenz, was der Hund an den verschiedensten Verhaltensmustern und Signalen erkennen kann (Umdrehen, sich hinter einem Baum oder Auto verstecken, zögerliches Verhalten, unklare/unsinnige oder fehlende Anweisungen, Angstschweiß), dann sieht sich der Hund gezwungen, die Führungsrolle – als Notlösung – selbst zu übernehmen. Je nach Selbstbewusstsein und Erfahrung ist er damit aber in den meisten Fällen hoffnungslos überfordert und gerät darum unter Stress. Auf hormoneller Ebene löst Stress primär eine sogenannte Fight-or-Flight-Reaktion aus. Der Hund hat also das Bestreben, entweder die Situation zu verlassen/zu flüchten, oder die Gefahr zu bekämpfen/abzuwehren. Wenn er an der Leine ist und nicht flüchten kann, bleibt ihm keine andere Möglichkeit als die der Abwehr, wobei Art und Ausmaß der Abwehrreaktion abhängig sind von der Intensität der von ihm empfundenen Bedrohung. Sie kann von Verbellen und Anknurren bis zu blutigen Angriffen reichen. Diese Angriffe können sich unter bestimmten Umständen auch durchaus gegen den eigenen Halter richten – dafür sind zwei Aspekte bedeutsam:
Zum Einen bewirkt die Stressreaktion auf der rein körperlichen Ebene eine Einengung und Fokussierung der Sinnesleistungen (beispielsweise nimmt die Sehschärfe ab) während gleichzeitig kognitive Leistungen auf ein absolutes Minimum reduziert werden, so dass der Hund mit zunehmendem Erregungszustand immer weniger zwischen den Zielen seiner Attacken differenzieren kann, sondern mit zunehmender Erregung einfach unkontrolliert um sich beißt.
Zum Anderen kann es passieren, dass der Hund den Halter als denjenigen betrachtet, der ihn an der aus seiner Sicht angemessenen Flucht hindert. Da er seinen Halter aufgrund des Mangels an Führungskompetenz und fehlenden Schutzes als schwach empfindet, kann es passieren, dass es ihm erfolgversprechender erscheint, den Halter an der weiteren Einschränkung seiner Fluchtmöglichkeiten zu hindern. Und nichts Anderes bezweckt er mit einem solchen Angriff.
Genau diese Verschiebung eventueller Angriffe auf den Hundehalter wird dann relativ regelmäßig als Meuterei gegen die vermeintliche, in der Praxis aber eben nicht existente Führungsrolle des Besitzers betrachtet und unter dem Begriff „testosterongesteuertes Dominanzverhalten“ subsummiert.
Das handlungsbestimmende Motiv des Hundes ist kein Bestreben nach einer höheren Rangposition in der Beziehung zu seinem Halter, sondern die Vermeidung oder Auflösung der Konfrontation mit dem angstauslösenden Objekt. Er wird durch den Kompetenzmangel des Halters zu diesem Verhalten gezwungen und die sich aus seiner Überforderung resultierende Stressreaktion ist cortisolgesteuert.
Aber damit ist die Angelegenheit keineswegs erledigt!
Schafft der Hund unter solchen Umständen mithilfe seines Verhaltens-Inventars die Situation dahingehend aufzulösen, dass er entweder den vermeintlichen oder echten Angreifer abwehrt oder flüchten kann, sein Verhalten also durch das Ausbleiben einer negativen Konsequenz/Schadens von Erfolg gekrönt ist (siehe oben), kommt es sekundär aufgrund dieses Erfolgserlebnisses zu einer Dopamin- und Testosteron-Ausschüttung, die das Lernverhalten verbessert und dazu führt, dass sich erstens dieses Verhalten schnell verfestigen kann und zweitens in der Wahrnehmung des Hundes dann auch tatsächlich die Diskrepanz zunimmt zwischen der fehlenden Kompetenz des Halters und der erfolgreichen und damit vom Hund auf der Basis dieser Erfahrung höher eingeschätzten eigenen Kompetenz!
Wenn man nun einen solchen zunächst unsicheren bis ängstlichen Hund kastriert (und das passiert leider nur allzu häufig, weil viele Menschen irrigerweise glauben, das Problem auf diese Weise lösen zu können), übersieht man, dass Testosteron dem Hund auch das Gefühl der Selbstsicherheit gibt und grundsätzlich als Gegenspieler solcher Stressreaktionen betrachtet werden muss. Reduziert man also durch operative oder chemische Kastration den basalen Testosteronspiegel des Hundes künstlich auf ein Minimum ab, ist die Wahrscheinlichkeit überschießender Angstreaktionen aufgrund mangelnden Selbstsicherheitsgefühls erheblich höher, weil ihm der Gegensteuerungsmechanismus fehlt. Die stressbedingte Cortisol-Ausschüttung, ebenso wie auch die anschließende reaktive Dopamin- und Testosteron-Ausschüttung nach solchen Vorfällen und damit auch der Lerneffekt bleiben jedoch erhalten, da Testosteron keineswegs ausschließlich von den Keimdrüsen gebildet wird, sondern in geringerem Umfang auch in anderen Geweben (Nebennierenrinde) und für diesen Effekt ausschlaggebend ist nicht der zugrundeliegende Testosteronspiegel, sondern der aus der Situation resultierende relative Hormonanstieg oder Peak.
Ein sehr typisches und immer wieder an mich herangetragenes Beispiel für – aus Perspektive des Hundes – unsinniges Verhalten in Gefahrensituationen (wird aber sehr häufig in Hundeschulen genau so vermittelt!), besteht beispielsweise darin, den ängstlichen oder unsicheren Hund hinzusetzen und sich ihm, mit dem Rücken zu der vom Hund als mögliche Gefahrenquelle betrachteten Objekt, zuzuwenden. Teilweise wird auch empfohlen, den Hund dabei mit einem Leckerli abzulenken.
Dabei werden gleich zwei Fehler begangen:
Erstens ergibt es für den Hund keinen Sinn, dass sein Besitzer einer potenziellen Gefahr den Rücken zudreht (außer natürlich zum Zwecke der Flucht). Dem Schutzbedürfnis des Hundes wird nicht Rechnung getragen und darum erlebt er seinen Halter als inkompetent. Um sich selbst und den Hund zu schützen und eine Gefahr abzuwehren, müsste er sich ihr entweder entgegenstellen, weil niemand so dumm wäre, einer Gefahr den Rücken zuzudrehen. Oder, wenn es aus Sicht des Halters keine wirkliche Gefahr ist, kann er sich seitlich vor den Hund stellen, so dass dieser sich von der vermeintlichen Bedrohung abgeschirmt aus einer sicheren Position heraus mit dem Objekt seiner Furcht vertraut machen kann. Diese Positionierung wird auch als „abschirmende T-Stellung“ bezeichnet und von sehr führungsstarken Tieren eingesetzt.
Der zweite Fehler ist, dass der Hund durch das angebotene Leckerli nicht abgelenkt wird (unter Stress frisst er es normalerweise ohnehin nicht), sondern er wird für sein ängstliches Verhalten belohnt, was seine Angst verschlimmern wird. (Vermeintlich „beruhigendes“ Streicheln des Hundes hat übrigens den gleichen Effekt und ist besonders eindrucksvoll in fast allen Wartezimmern von Tierärzten zu beobachten!)
Doch auch dann, wenn man den Begriff der Dominanz als Ausdruck einer Beziehung versteht, ist er nicht ansatzweise statisch zu verstehen! Diese Beziehung ist ausgesprochen dynamisch und verändert sich auch beispielsweise in Abhängigkeit von der Situation [2014 Schilder, Matthijs B. H. et al.19]!
Bis auf sehr wenige Ausnahmen (territoriales, beziehungsweise Brutpflegeverhalten zum Schutz der eigenen Nachkommen und Konkurrenzverhalten von Hündinnen bei der Fortpflanzung) verhalten Hunde sich primär defensiv und nicht dominant oder dominierend. Sie übernehmen (im Gegensatz zu Menschen ganz selbstverständlich und ohne lange Diskussionen – einfach nur herrlich!) die Aufgaben, die sie erfahrungsgemäß am besten können. So, wie in einem Betrieb derjenige die Buchführung machen sollte, der am besten rechnen kann und nicht derjenige, der am lautesten singt. Auch Rüden, denen man im Zusammenhang mit der Sexualität immer unterstellt, sie seien besonders aggressiv, gehen Auseinandersetzungen normalerweise lieber aus dem Weg oder klären ihre Ansprüche im Kommentkampf mit Imponierverhalten. Wenn sie das aber an der Leine und in der Stadt aufgrund sehr hoher Populationsdichte nicht können oder an der Leine frontal aufeinander zugeführt werden, dann sind nicht die Hunde verhaltensgestört, sondern der Mensch ist dafür verantwortlich, dass der Hund unter diesen für ihn vollkommen unnatürlichen Bedingungen lebt/leben muss und sich darum auch nicht „normal“, also defensiv verhalten kann.
Status-Probleme unter Hunden entstehen vorwiegend auf der Grundlage menschlichen Einflusses oder Eingreifens in diese soziale Struktur, wenn beispielsweise . . .
- Signale der Hunde nicht erkannt, falsch interpretiert, nicht (ausreichend) berücksichtigt oder absichtlich missachtet werden, die auf ihren Status innerhalb ihres Sozialgefüges hindeuten (wenn beispielsweise zu einem schon älteren Hund ein junger hinzugekauft wird und der Halter seinem alten Hund, vielleicht aus Mitleid oder Gewohnheit dessen bisherigen Status partout erhalten will obwohl er diesem nicht mehr gerecht wird),
- das Verhalten von Hunden in Einzelhaltung soweit modifiziert und an das Zusammenleben mit „ihren“ Menschen adaptiert wird, dass diese selbst beim Aufeinandertreffen mit unbekannten Hunden unangemessene Signale aussenden, weil sie sich dabei an dem Status orientieren, der ihnen vom Halter zugewiesen wurde (wenn ein kleiner Hund auf den Arm genommen wird) und verlernt haben, ihren tatsächlichen Status richtig einzuschätzen,
- Hunde, beispielsweise aus Angst vor Hundebegegnungen, keine oder nicht ausreichende Gelegenheit haben, angemessenes Sozialverhalten zu erlernen, einzuüben und zu festigen,
- der Hund bei Hundebegegnungen die situative Intention, Motivation oder Gefühlslage des Halters, wie Angst oder Unsicherheit, [2016 Siniscalchi, Marcello et al.20] übernimmt und gezwungenermaßen in sein aktuelles Verhalten integriert (siehe oben),
- der Hund kastriert wird und anschließend olfaktorische Signale, insbesondere des Reproduktionsstatus‘, aussendet, die nicht mit seiner tatsächlichen Körperlichkeit und dem von ihm selbst empfundenen Sozialstatus übereinstimmen [2021 Woszczylo, Martyna et al.21],
- Hunde (insbesondere Hündinnen!) zwangs-vergesellschaftet werden, die sich nicht mögen und sich, wenn sie nur könnten, lieber aus dem Weg gehen würden (Wenn Hundebesitzer französische Bulldoggen toll finden und sich dann vier solcher Hündinnen zulegen, wird erwartet, dass die sich gut verstehen und lieb zueinander sind. Wenn sie sich dann prügeln wie die Kesselflicker, werden sie als verhaltensauffällig eingestuft und kastriert. – Wenn Ihr eigener Ehemann vollbusige Blondinen toll findet und drei solche Schönheiten dauerhaft bei Ihnen einziehen, von ihm liebevoll umsorgt, verwöhnt und ausgeführt würden, mit Ihnen gemeinsam in seinem Bett schlafen dürften – würden sie es dann genauso sehen?),
- Hundebesitzer aufgrund der Vorstellung, dass jedes Kommando für den Hund Unterdrückung bedeuten würde, keine klaren und unmissverständlichen (kurzen) Handlungs-Anweisungen geben oder ohne Punkt und Komma auf den Hund einreden. Für den Hund bedeutet das, dass sein Besitzer selbst nicht weiß, was zu tun ist, also inkompetent ist und darum kann und wird er sie auch nicht befolgen. Eventuell kann er auch die für ihn bestimmte Anweisung aus dem ganzen Gerede einfach nicht herausfiltern. (Er soll Kommandos auch nicht befolgen, weil er eine Futterbelohnung erhält, sondern weil er der Kompetenz seines Halters vertraut, sowie die sich für ihn daraus ergebenden Vorteile/Werte erkennt und schätzt!)
- . . .
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5. Der Kommentkampf bei Hunden
Sinn und Zweck eines Kommentkampfes ist die verletzungsfreie oder zumindest verletzungsarme mehr oder weniger stark ritualisierte Abklärung bestimmter Ansprüche wie des Vorrechtes auf Fortpflänzung oder bestimmte Ressourcen. Der vielfach hierfür benutzte Begriff des „Scheinkampfes“ ist nicht korrekt, denn dieser Kampf ist durchaus ein echter Kampf.
Evolutionär ist der Kommentkampf sehr bedeutsam, weil er in besonderem Maße nicht nur die Anzahl der Individuen einer Art insgesamt schont und dadurch bessere Überlebenschancen nach größeren Krisen ermöglicht, wie etwa Umweltkatastrophen, die die gesamte Art stark dezimiert haben, sondern stellt auch eine Feinabstimmung der natürlichen Auslese dar.
Wenn beispielsweise ein noch sehr junges und kampf-unerfahrenes Männchen von einem haushoch überlegenen Rivalen getötet wird, können die Männchen dieser Art grundsätzlich wenig Erfahrungen im Kampf sammeln und andererseits können sie ein anderes Männchen, dessen Kräfte nachlassen und das ihnen in einem Folgekampf unterlegen wäre, nicht mehr ersetzen. Der Kampf mit dem stark überlegenen Männchen hätte also für ein anderes Rudel/eine andere Herde zur Folge, dass es/sie von einem verhältnismäßig schwachen Männchen weiter geführt würde und das würde die Population der gesamten Art gesundheitlich nachhaltig schwächen.
Ein Kommentkampf hat also nicht nur für das Einzelindividuum Vorteile, sondern auch für die Art als solche.
Wie sieht ein Kommentkampf bei Hunden aus?
Er kann sehr unterschiedlich ausfallen und ist von vielen Faktoren abhängig, wie Alter, Geschlecht Vorerfahrungen, Temperament und Selbstbewusstsein des Einzeltieres, aber auch dem Hormonstatus. Gerade beim Haushund kann hierbei auch die Rassezugehörigkeit eine Rolle spielen, da durch die Zucht nicht nur Verhaltensweisen wie Territorialität und Individualabstand beeinflusst wurden, sondern auch bestimmte – manchmal entscheidende – Signale rassespezifisch unterschiedlich ausgesendet und verstanden werden (siehe unter Missverständnisse!). Nicht zu unterschätzen ist dabei auch die Wirkung von Geschirren, Mäntelchen und Ähnlichem, die das Erscheinungsbild des Hundes und seine körpersprachlichen Signale verändern und manchmal bis zur Unkenntlichkeit verdecken, sodass er vom anderen Hund vollkommen falsch verstanden wird!
Grundsätzlich kann man für unsere Haushunde feststellen, dass nicht alle, aber die meisten Kommentkämpfe zwischen Rüden stattfinden. Hündinnen haben eine wesentlich stärkere Tendenz zu Beschädigungskämpfen, da es bei ihnen immer um das Überleben bereits vorhandener oder potenzieller Welpen geht. Während ein Rüde die Möglichkeit hat, seine Nachkommenschaft im Falle eines verlorenen Kampfes mit einer anderen Hündin zu sichern, reagiert eine Hündin also nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip, da sie in ihre Nachzucht häufig bereits (auch körperlich) investiert hat und daher ihr Verlust faktisch größer wäre. Kommentkämpfe unter Hündinnen finden am ehesten unter eng verwandten Hündinnen statt, sofern die Rangfolge ungeklärt ist. Meist wird sie in diesem Fall über Pheromone gesteuert.
Jüngere Rüden verhalten sich dabei schwerpunktmäßig lauter. Ähnlich wie auch menschliche Teenager machen sie oft schon aus Entfernung lautstark pöbelnd ihre Ansprüche geltend. Dabei wird der Konkurrent fixiert, Imponiergehabe an den Tag gelegt, begleitet von Urinmarkierungen und Scharren. Sie setzen also auf Abschreckung. Auch, wenn sie sich einander annähern, geht es meist ziemlich laut zu. Das kann für empfindsame Halter dann schon mal gefährlicher aussehen, als es tatsächlich ist. Eventuell gibt es auch „Schnapper“ und Knuffereien, aber kaum einmal wirkliche tiefe Bisse. So hatte einer meiner eigenen Rüden eine derart große Klappe, dass er manchmal sogar aus 50 Metern Entfernung weit größere Rüden derart zusammenstauchte, dass sie sich auf den Boden legten und nicht mehr trauten, aufzustehen.
Beim Imponierverhalten wird der gesamte Körper angespannt:
- die Beine werden durchgedrückt und der Gang wird steif und staksend,
- der Kopf wird hochgereckt, die Ohren nach vorn gerichtet (bei Spitzen können sich manchmal die Ohrspitzen fast berühren),
- der Blick ist bei großer Entfernung fixierend, je näher sich die Konkurrenten kommen wird er abgewandt und geht am anderen vorbei,
- das Fell wird gesträubt, besonders auf dem Rücken,
- die Rute wird steil nach oben ausgerichtet.
- die Schnauze wird zu einem kurzen Spalt zusammengezogen und der Hund knurrt.
Beim Imponierverhalten gegenüber einer Hündin fehlen die letzten vier Anteile – der Rüde verhält sich submissiv!
Nun können sich die Tiere gegenseitig umrunden, wobei sie üblicherweise den Anogenitalbereich kontrollieren. Dabei kann es sein, dass einer der Rüden sich das Recht herausnimmt, dies als Erster zu dürfen, was als Dominanzverhalten zu werten ist. Ebenso ist es zu bewerten, wenn er dem Anderen die Pfote oder den Kopf auf den Rücken legt (offensive T-Stellung). Toleriert der andere Rüde dieses Verhalten, so erkennt er die Dominanz des anderen Rüden an – wehrt er sich dagegen, kann es zu lautstarken Auseinandersetzungen kommen, bei der die Hunde eventuell versuchen, den jeweils anderen auf den Rücken zu legen oder sich gegenseitig wegzuschieben, womit im Normalfall die Fronten geklärt sind.
Mit zunehmendem Alter und Erfahrung verändert sich dieses Verhalten. Insbesondere wird es meistens leiser und das bedeutet auch, dass es ernster wird. Immer häufiger wird dabei eine andere Variante der offensiven T-Stellung eingenommen, bei der der dominierende Hund sich mehr oder weniger quer vor den anderen Hund stellt und ihn begrenzt/ihm den Weg blockiert. Der Blick ist dabei nicht fixierend, sondern abgewandt. Üblicherweise verharren beide Hunde für eine bestimmte Zeit in dieser Position bis der dominierende Hund sich allmählich zu entspannen beginnt: Er wartet ab, ob der andere Hund seine dominante Position respektiert. Erst dann darf der andere Hund unbehelligt gehen.
Hier werden die häufigsten Fehler gemacht, indem unsichere oder ängstliche Hundebesitzer versuchen, ihren Hund an der Leine wegzuzerren. Man sollte in diesem Fall am besten den Hund ableinen oder zumindest die Leine loslassen. Verfangen sich die Hunde in den Leinen und können nicht frei agieren, rechnen sie diese Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit dem anderen Hund zu und reagieren meist aggressiv – die Situation eskaliert nicht selten mit blutigen Folgen. Die allergrößte Katastrophe dabei sind die sehr beliebten Flex-Leinen oder Schleppleinen.
Man sollte die Hunde diese Angelegenheit in Ruhe selbst ausleben und entscheiden lassen und sich selbst ebenfalls ruhig und abwartend verhalten. Es ist auch nicht sinnvoll, den Hund in dieser Situation herumzukommandieren – es ist ein Ritual, dass die Hunde selbständig zuende bringen müssen. Danach sind die Ansprüche geklärt und müssen auch nicht bei jeder weiteren Begegnung neu ausgefochten werden.
Ich möchte hier allerdings betonen, dass solche Kommentkämpfe bei Rüden sicherlich den Vorrang haben, sofern die Hunde die Gelegenheit bekommen, sie zu lernen und zu üben. Hunde, denen diese Möglichkeit vorenthalten wird oder deren Besitzer nicht die erforderliche Gelassenheit mitbringen, neigen eher zu Beschädigungskämpfen. Aber in Einzelfällen können auch Kommentkampf-erfahrene Rüden schwerste blutige Kämpfe austragen, wenn sie beispielsweise mental und/oder körperlich ebenbürtig sind. Es sind eben nicht, wie manche Hundehalter es gern hätten, alle Hunde Freunde – darin unterscheiden sie sich in keiner Weise von uns Menschen! Dieses Recht sollte man ihnen schon zugestehen und ihrem natürlichen Bedürfnis, einander aus dem Wege zu gehen, Rechnung tragen.
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6. Kommunikation und Missverständnisse: Signale, Ebenen und Wege
Hunde kommunizieren, wie alle Lebewesen, auf vielfältige Art und auf verschiedensten Ebenen, die uns Menschen teilweise nicht zugänglich sind. Wie auch bei menschlicher Kommunikation kann es dabei zu Missverständnissen kommen. Diese Missverständnisse können zwischen den Hunden selbst entstehen (beispielsweise durch züchterische Veränderung körperlicher Merkmale oder Verhaltensmuster mit Signalwirkung) – sie können aber auch zwischen Hund und Mensch entstehen, weil uns diese Form der Kommunikation oder deren Bedeutungsgehalt einfach nicht bekannt und geläufig ist oder wir als Mensch das Verhalten der Hunde fehlerhaft interpretieren, indem wir es falsch zuordnen und falsche Schlüsse daraus ziehen (siehe auch unter „Hundepsychologie“). Nicht selten treffen mehrere dieser Gründe zu..
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6.1. Missverständnisse durch veränderte Signale
Nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass durch Rassezucht bei Hunden nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern auch Verhaltensmuster oftmals verändert wurden und dadurch bedingt die Verständigung der Hunde untereinander gestört oder zumindest beeinflusst sein kann. So wird beispielsweise das Schäferhunden oder Border Collies angezüchtete „schleichende“ Gangbild von anderen Hunden häufig als „Anschleichen zur Vorbereitung eines möglichen Angriffs“ verstanden. Ähnliches gilt für den stechenden Blick blauäugiger Hunde, der als „Fixierung“ (Eyeing) und als Bedrohung wahrgenommen wird oder beim Spitz die angezüchtete Halskrause und die auf dem Rücken aufgerollte buschige Rute, die als „aggressiv gesträubtes Fell“ verstanden wird. Diese züchterische Modifikation des Exterieurs oder Verhaltensmusters war oder ist im Arbeitskontext der Hunde durchaus sinnvoll oder sogar sehr wichtig und ist den Haltern solcher Arbeitshunde dann auch meistens bewusst. Bei einer Haltung als Freizeithund durch unkundige oder schlecht informierte Besitzer und einer hohen Populationsdichte entstehen daraus nicht selten Probleme, die dann aus dieser Unkenntnis heraus vollkommen falsch zugeordnet werden! (Ganz besonders problematisch erweist sich dabei die Tatsache, dass gerade solche Merkmale nicht selten vom Menschen als Schönheitsmerkmal betrachtet und in der Rassezucht hoffnungslos übertrieben werden, wodurch, wie beispielsweise durch Kurzköpfigkeit/Brachycephalie, besonders lange und schwere Schlappohren et cetera, neben daraus entstehenden Kommunikationsproblemen auch noch schwerste gesundheitliche und teilweise lebensverkürzende Beeinträchtigungen resultieren!)
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6.2. Missverständnisse durch falsche Zuordnung
Wenn ein Hund eine Urinmarkierung hinterlässt, dann hinterlässt er sie für andere Hunde und nicht für den Menschen. Und es ist ihm auch bewusst, dass der Mensch damit nichts anfangen kann (außer vielleicht, sie wegzuwischen wenn sie am falschen Platz gelandet ist).
Hunde unterscheiden sehr deutlich und bewusst zwischen den Adressaten, an die sie ihre Signale senden und sie „verpacken“ ihre Signale auch benutzergerecht.
So gibt es beispielsweise bestimmte Verhaltensweisen, die sie ausschließlich in der Kommunikation mit Menschen verwenden (zum Beispiel das Hundelächeln), andere, wie das Urinmarkieren, verwenden sie ausschließlich zur Kommunikation mit Artgenossen und wieder andere benutzen sie sowohl zur Kommunikationen mit Artgenossen als auch mit dem Menschen. Allerdings können sie, je nach Adressat, unterschiedliche Bedeutung haben. [2010 Petak, Irena22].
Am auffälligsten zeigt sich dieser Unterschied in der visuellen Kommunikation: Einen anderen Hund direkt anzusehen, kann (!), je nach Kontext, als Warnung/Drohung/Fixierung gemeint sein – einen Menschen direkt anzusehen, ist dagegen meistens Ausdruck von Vertrauen oder „Bitten um Erlaubnis/Hilfe/weitere Instruktion oder auch Betteln“. Dabei spielen weitere mimische und körpersprachliche Komponenten eine wichtige, oft entscheidende Rolle [2008 Feddersen-Petersen, Dorit Urd23, sowie 2018 Siniscalchi, Marcello.24
Wenn dann die Botschaften des Hundes an seine Artgenossen, wie beispielsweise das Scharren oder Urinmarkieren, nicht nur mit dem Verhalten von Wölfen gleichgesetzt, sondern als „Dominanz“ interpretiert und am Ende auch noch fälschlicherweise auf den Menschen bezogen werden, reiht sich ein Missverständnis ans nächste . . .

(Screenshot von einer Hundeschul-Seite!)
Sexuell motiviertes Verhalten
Grundsätzlich sollte man beachten, dass viele Verhaltensweisen des Hundes zwar mit der Sexualfunktion zusammenhängen, aber weder von der Motivation, noch von der Intention oder der Wirkung ausschließlich auf Fortpflanzung oder Sexualität ausgerichtet und begrenzt sind, sondern in ganz wesentlicher Weise zum Ausdruck seines Lebensgefühls und Sozialverhaltens gehören und teilweise sogar seine Körperfunktionen beeinflussen!
Verhalten wie das Markieren (wozu auch das Scharren gehört) oder Aufreiten auf rein sexuell gesteuerte „Dominanzallüren“ zu reduzieren, wird der Vielschichtigkeit dieser Handlungen nicht einmal ansatzweise gerecht.
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6.3. Kommunikationswege
Kommunikation kann auf vielen verschiedenen Wegen erfolgen, wie beispielsweise visuell – über Sichtkontakt – oder auditiv – über Hörkontakt. Sie kann direkt/unmittelbar erfolgen oder indirekt/mittelbar.
Die Wahl des Weges und die Art, auf dem jeweils gewählten Weg zu kommunizieren, kann dabei Vor- und Nachteile bieten, die sich einerseits daraus ergeben können, welcher Zielgruppe die Informationen zugänglich sein sollen, ob also sehr viele verschiedene Tiere die Information erhalten, nur wenige oder ein einzelnes Individuum.
Eine Hündin mit ansteigenden Hormonspiegeln auf der Suche nach dem für sie besten Partner zur Fortpflanzung kann durch die Anzahl ihrer „Botschaften“ und die Ausdehnung des Bereichs, in dem sie sie hinterlässt, die Anzahl ihrer Bewerber erhöhen und damit ihre Chancen auf einen möglichst vitalen Partner optimieren. Gleichzeitig kann sie andere Hündinnen darüber informieren, dass sie das Privileg der Fortpflanzung für sich in Anspruch nimmt. In der – unmittelbaren – Kommunikation mit jeweils nur einem einzelnen Rüden oder einzelnen anderen Hündin wäre das ein sehr aufwändiges Unterfangen – sie hat also Vorteile durch einen Kommunikationsweg, auf dem sie mit möglichst geringem Aufwand ein möglichst großes „Publikum“ erreicht.
Einer anderer wichtiger Gesichtspunkt kann sich aus der zeitlichen oder räumlichen Distanz der Kommunikationspartner ergeben. Die Kommunikation über Sicht- oder Hörkontakt erfordert immer eine relativ kurze Distanz, die zwangsläufig ein nicht zu unterschätzendes Stress- und damit auch Eskalationspotenzial beinhaltet.
Da Hunde grundsätzlich bestrebt sind, Aggression und direkte blutige Konfrontation zu vermeiden, aber keine Briefe schreiben können, ist die für sie aus verschiedenster Sicht optimale Lösung zur Kommunikation die Olfaktorische Kommunikation.
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6.4. Olfaktorische Kommunikation
Olfaktorische Kommunikation hat den enormen Vorteil, dass sie keineswegs nur die Möglichkeiten bietet, Botschaften für ein breites Publikum und mit zeitlich-räumlichem Versatz – also mittelbar – zu ermöglichen, sondern sie ist ebenfalls bestens geeignet zur unmittelbaren Kommunikation mit einem einzelnen Partner und hat damit von allen Kommunikationsformen das mit Abstand größte Potenzial!
Probleme treten eher auf im Zusammenleben mit uns Menschen oder als Folge unseres unbedachten Eingreifens.
Für olfaktorische Analphabeten wie uns Menschen besteht die Herausforderung darin, nicht nur die enorme Vielfalt von Informationen und Kommunikationsebenen in ihrer Bedeutung, Variabilität und auch Dynamik zu entschlüsseln, sondern darüber hinaus die hohe Komplexität der Verhaltensmodifikationen und körperlichen Veränderungen zu erfassen, die aus dem Zusammenspiel genetischer, gesundheitlicher, hormoneller, geschlechtsspezifischer, sozialer und vieler anderer Faktoren resultieren.
Offen gestanden – je mehr man sich damit auseinandersetzt, desto klarer wird, warum Hunde manchmal nur widerwillig weitergehen und lieber noch ein bisschen schnüffeln möchten: Sie lesen nicht einfach nur die aktuellsten Meldungen der Tageszeitung samt Sport-Teil, Werbung und Wetterbericht, sondern an jedem Bäumchen liegt eine ganze Bibliothek aus Lebensläufen, Krankenakten/Gesundheitszeugnissen, Heiratsannoncen, Speisekarten samt Bewertung des Futters, Familienchroniken und sonstigen Bekanntmachungen und wenn mein Llywellynn sein Bein hebt, dann hinterlässt er eine Statusmeldung in seinem sozialen Netzwerk!
Ich kann hier auch nur einen kleinen Ausschnitt zum Stand derzeitiger Kenntnisse liefern. Wer sich davon faszinieren lässt, kann sich natürlich die Literatur heraussuchen und wird am Ende jeder Studie weitere Literaturangaben finden . . .
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Bibliografie
Die Angaben mit vorangestellter Jahreszahl beziehen sich auf wissenschaftliche Publikationen, die mit vorangestelltem Namen des Autors/der Autoren/Herausgebers auf Bücher.
Dieses und weiteres Material finden Sie unter: Deutscher Spitz – Infozentrum
- 2016 Howse, Melissa, Exploring the Social Behaviour of Domestic Dogs (Canis familiaris) in a Public Off-Leash Dog Park, URI https://hdl.handle.net/20.500.14783/14496 ↩︎
- 2019 Hecht, Erin E. et al., Significant Neuroanatomical Variation Among Domestic Dog Breeds, DOI:10.1523/JNEUROSCI.0303-19.2019 ↩︎
- 2016 Konno, Akitsugu et al., Dog Breed Differences in Visual Communication with Humans, PMID: 27736990 PMCID: PMC5063391 DOI: 10.1371/journal.pone.0164760 ↩︎
- 2022 Junttila, Saara et al., Breed differences in social cognition, inhibitory control, and spatial problem-solving ability in the domestic dog (Canis familiaris), PMID: 36581704 PMCID: PMC9800387 DOI: 10.1038/s41598-022-26991-5 ↩︎
- 2023 Wirobski, Gwendolyn et al., Similar behavioral but different endocrine responses to conspecific interactions in handraised wolves and dogs, https://doi.org/10.1016/j.isci.2023.105978 ↩︎
- 2003 Call, Josep et al., Domestic Dogs (Canis familiaris) Are Sensitive to the Attentional State of Humans, PMID: 14498801 DOI: 10.1037/0735-7036.117.3.257 ↩︎
- 2013 Hori, Yusuke et al., Dopamine receptor D4 gene (DRD4) is associated with gazing toward humans in domestic dogs (Canis familiaris), DOI:10.4236/ojas.2013.31008 ↩︎
- 2017 Bradshaw, John, Rooney, Nicola, Dog social behavior and communication, S. 133–159, in: 2017 Serpell, J. (Ed.), The Domestic Dog – Its Evolution, Behavior and Interactions with People, 2nd Edition, Cambridge University Press, 017, ISBN 978-1-107-02414-4 ↩︎
- 2014 Majumder, Sreejani Sen, Chatterjee, Ankita & Bhadra, Anindita, A dog’s day with humans – time activity budget of free-ranging dogs in India, in: Current Science Vol. 106, No. 6 (25 March 2014), pp. 874-878 ↩︎
- 2020 Miternique, Hugo Capella & Gaunet, Florence,Coexistence of Diversified Dog Socialities and Territorialities in the City of Concepción, Chile, PMID: 32069953 PMCID: PMC7070567 DOI: 10.3390/ani10020298 ↩︎
- 2020 Bhattacharjee, Debottam & Bhadra, Anindita, Humans Dominate the Social Interaction Networks of Urban Free-Ranging Dogs in India, PMID: 32982880 PMCID: PMC7477117 DOI: 10.3389/fpsyg.2020.02153 ↩︎
- 2024 Biswas, Sourabh et al., Fair game: Urban free-ranging dogs balance resource use and risk aversion at seasonal fairs, https://doi.org/10.1093/cz/zoaf030 ↩︎
- 2024 Lugosi, Csenge Anna & Pongrácz, Peter, Independent, but still observant – dog breeds selected for functional independence learn better from a conspecific demonstrator than cooperative, https://doi.org/10.3390/ani14162348 ↩︎
- 2019 Lindsay, Steven R., Handbook of Applied Dog Behavior and Training, Blackwell Publishing Professional, ISBN-13: 978-0-8138-0754-6, ISBN-10: 0-8138-0754-9 ↩︎
- 2015 Gough, William & McGuire, Betty, Urinary posture and motor laterality in dogs (Canis lupus familiaris) at two shelters, DOI:10.1016/j.applanim.2015.04.006 ↩︎
- 2021 Gilchrist, Rachel J. et al., The click is not the trick – the efficacy of clickers and other reinforcement methods in training naive dogs to perform new tasks, PMID: 33665026 PMCID: PMC7906040 DOI: 10.7717/peerj.10881 ↩︎
- 2008 Bonnani, Roberto, Cooperation, leadership and numerical assessment of opponents in conflicts between groups of feral dogs (Canis lupus familiaris), dc.identifier.urihttp://hdl.handle.net/1889/1066 ↩︎
- 2022 Chijiiwa, H. et al., Female dogs evaluate levels of competence in humans. In: Behavioural Processes, 203, 1–6, PMID: 36179930 DOI: 10.1016/j.beproc.2022.104753 ↩︎
- 2014 Schilder, Matthijs B. H. et al., Dominance in domestic dogs revisited: Useful habit and useful construct?, https://doi.org/10.1016/j.jveb.2014.04.005 ↩︎
- 2016 Siniscalchi, Marcello et al., The dog nose „KNOWS“ fear: Asymmetric nostril use during sniffing at canine and human emotional stimuli, PMID: 26876141 DOI: 10.1016/j.bbr.2016.02.011 ↩︎
- 2021 Woszczylo, Martyna et al., The Case of Atypical Sexual Attractiveness in a Male Domestic Dog – A Case Study, PMID: 34827888 PMCID: PMC8614462 DOI: 10.3390/ani11113156 ↩︎
- 2010 Petak, Irena, Patterns of carnivores‘ communication and potential significance for domestic dogs, in: PERIODICUM BIOLOGORUM VOL. 112, No 2, 127–132, 2010 ↩︎
- 2008 Feddersen-Petersen, Dorit Urd, Ausdrucksverhalten beim Hund, 2008, Franck Kosmos Verlag, ISBN 9783440098639 ↩︎
- 2018 Siniscalchi, Marcello, Communication in Dogs, PMID: 30065156 PMCID: PMC6116041 DOI: 10.3390/ani808013 ↩︎
