Silvester

Es ist wieder soweit!

Wenn man sich so umguckt, dann sind die meisten Tierbesitzer schon wieder in hellster Aufregung, weil sie nicht wissen, wie sie mit der Angst ihrer Haustiere vor der ganzen Knallerei umgehen sollen. Da werden die Hunde ins Auto gepackt und stundenlang mit ihnen in der Gegend herumgefahren, manchen werden Beruhigungsmittel oder Zuckerpillen namens „Globuli“ oder sog. „Notfalltropfen“ verabreicht…

Da ich nicht seit gestern Hunde halte, sondern seit über 50 Jahren, fällt mir auf, dass Hunde in früheren Jahren weit seltener so extrem reagiert haben.

Sicherlich wurde der Befindlichkeit von Hunden in früheren Jahren auch nicht so viel Bedeutung beigemessen und viele Hundebesitzer mögen sich auch wenig dafür interessiert haben. Aber selbst, wenn man diese unschönen Fälle herausrechnet, denke ich, dass wir als Hundehalter ganz wesentlich dazu beitragen, wie unsere Hunde mit diesem zweifellos für sie herausfordernden Ereignis umgehen.

Hunde beobachten uns. Sie orientieren sich an uns und unserem Verhalten, nehmen uns also als Vorbild. Gleichzeitig erwarten sie von uns, dass wir als „Rudelführer“ sie beschützen.

Geraten wir als „Anführer“ also bereits bei den ersten Böllern völlig aus dem Häuschen oder sogar schon früher, weil wir bereits ängstlich Richtung Silvester schielen, dann signalisieren wir dem Hund damit unsere eigene Unsicherheit und damit auch ein gewisses Maß an Inkompetenz, ihn zu schützen. So zumindest nimmt der Hund es im Allgemeinen wahr und merkt schon Tage vorher an unserem (!!!) Verhalten, dass da irgendeine schlimme Gefahr auf ihn/uns zukommt, mit der wir (!!!) nicht umzugehen wissen. Aus seiner Sicht schlittert er also vollkommen schutzlos dieser Gefahr entgegen. Wie sollte er da ruhig bleiben?

„Im Allgemeinen“ bedeutet, dass dabei die Selbstsicherheit/das Selbstbewusstsein des Hundes eine Rolle spielt. Hat er beispielsweise schlechte Vorerfahrungen, wobei auch andere, sehr ängstliche Hunde eine beträchtliche Rolle spielen können, oder er ist alt/krank und weiß, dass er selbst schwach und verhältnismäßig wehrlos ist, dann kann auch das Ängste auslösen und/oder verstärken. Umso wichtiger für ihn ist, dass er sich unseres Schutzes sicher sein kann.

Zwei Sachen sind also besonders wichtig:

  • Erstens sollte meine Hundeerziehung darauf abzielen, das Selbstbewusstsein/die Selbstsicherheit meines Hundes zu stärken. Dazu gehört auch, dass ich ihn nicht ständig und vor Allem übermäßig behüte, sondern ihm auch einmal etwas zutraue und ihm Gelegenheit gebe, sich selbst auszuprobieren.
  • Zweitens sollte ich ihm signalisieren, dass ich – im Hintergrund (!) – da bin, seine Aktivitäten beobachte und ihm – bei Bedarf (!) zur Seite stehe und dann auch Lösungen habe, bzw. ihm zeige/vorlebe, wie er sinnvoll mit dieser Situation umgehen kann. Denn genau das – also die von mir signalisierte Sicherheit im Umgang mit für ihn noch ungewohnten/unbekannten Situationen – gibt ihm das Selbstvertrauen, sich auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln.

Ich lege also mit meiner allgemeinen Erziehung lange vor Silvester bereits den Grundstock dafür, wie mein Hund diesen Jahreswechsel meistert. Oder auch nicht.

Auf dieser Basis lasse ich seit mehr als 50 Jahren Silvester völlig gelassen auf mich und meine Hunde zukommen und meine Hunde sind im Normalfall ebenso unaufgeregt wie ich selbst. Als Wachhunde, die Spitze eben sind, ist die Knallerei natürlich eine Besonderheit, die sie selbstverständlich erst einmal melden. Das ist normal und in Ordnung. Also ist es meine Aufgabe, ihnen verständlich zu machen, dass es zwar ungewöhnlich, aber dennoch nicht beachtenswert, sondern unwichtig ist. Es ist keine weitere Reaktion erforderlich. Sie orientieren sich daran und so ist es für sie kein Grund, sich weiter darum zu kümmern oder gar aufzuregen. Wenn ich selbst der Knallerei nicht mehr Aufmerksamkeit widme als der Frage, ob in China ein Reis-Sack umfällt, dann gehen auch meine Hunde gelassen damit um. Bis auf wenige Ausnahmen war, bzw. ist auch an Silvester für meine Hunde sogar Freilauf vollkommen problemlos. Würden sie sich tatsächlich einmal erschrecken, weil ein Böller unmittelbar neben ihnen landet, kämen sie zu mir!

In Ausnahmefällen hatte aber auch ich schon Hunde, die z. B. aufgrund von Vorerfahrungen ängstlich waren. Das waren Griepto und Sofie aus dem Tierschutz und mit Vorerfahrungen, sowie Gilla, bei der ich zu wenig beachtet hatte, dass sie sich am ängstlichen Griepto orientiert hatte – mein eigener Fehler also. Mit ihnen habe ich verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Eine davon – einen Versuch des Gegentrainings – habe ich unter unseren Tiergeschichtchen beschrieben (Silvester-Blutwurst).

Die mit Abstand besten Erfahrungen habe ich damit gemacht, mich an früheren Vorgehensweisen der Schutzhund-Ausbildung zu orientieren, bei denen die Hunde zur Schuss-Sicherheit und Schuss-Gleichgültgkeit (das sind zwei verschiedene Sachen) ausgebildet wurden. Definitiv war nicht Alles, was man früher so mit den Hunden gemacht hat, gut. Manches war sogar ziemlich schlimm. Aber keineswegs Alles. Die Ausbildung mindestens zur Schuss-Sicherheit gehört definitiv zu den wirklich guten Sachen, weil so ein Hund zu Silvester nicht in Panik gerät, sondern das ganze Spektakel relativ gelassen übersteht.

Im Grunde ist es ganz einfach:

Man geht mit dem Hund am Besten schon nach draußen, wenn die ersten Knallereien losgehen.

Das Allerwichtigste dabei ist, dass man selbst dazu völlig ruhig und unaufgeregt sein muss, denn jede Aufregung oder Sorge des Besitzers, dass das evtl. nicht klappen könnte, überträgt sich unweigerlich auf den Hund und wird dann zur Sich-selbst-erfüllenden-Prophezeihung!

Dabei nimmt man den Hund an die kurze Leine und lässt ihn „bei Fuß“ gehen. Falls der Hund nicht gewohnt ist, sich beim Fuß-Gehen automatisch hinzusetzen, sobald man selbst für einen Moment stehenbleibt (für meine Hunde gehört das dazu), bekommt er immer mal wieder das Kommando „Sitz“ und muss sich dabei eng ans Bein des Hundeführers setzen. Dann geht’s weiter. Immer, wenn ein Böller irgendwo gezündet wird, wird der Hund direkt am Bein hingesetzt (extrem aufgeregte Hunde darf man sich anfangs auch ruhig zwischen die Beine setzen!). Er darf sich dabei durchaus ans Bein drücken – der Hundeführer ist ja sein Beschützer!

Wichtig ist, dass der Hund in dieser Position bleibt. Steht er unaufgefordert auf, weil er eben Angst hat, wird er SOFORT wieder ins „Sitz“ GEDRÜCKT!!! Man gibt NICHT das Kommando. Denn das Kommando hat man schon gegeben und das muss (und darf) man nicht noch 20 Mal wiederholen – EIN Kommando reicht. Und wenn es sein muss, wird er auch immer wieder heruntergedrückt. Wortlos. Dass man in diesem Ausnahmefall nicht das Kommando wiederholt, sondern handelt, hat den Hintergrund, dass ein extrem aufgeregter Hund die Kommandos i. d. R. gar nicht wahrnimmt. Normalerweise. Bei einem anfangs evtl. extrem aufgeregten Hund kann man sicherlich einzelne (!!!) Ausnahmen machen und das Kommando nochmal wiederholen. Auf keinen Fall darf man dulden, dass der Hund anfängt, sich völlig kopflos wie ein Brummkreisel zu drehen (sehe ich auch oft genug bei anderen Leuten). Und auf keinen Fall darf man versuchen, beruhigend auf den Hund einzureden oder ihn in dieser Situation zu kraulen/zu streicheln. Durch diese Zuwendung würde man seine anfängliche Angst belohnen und weiter verstärken!

Für Alle, die jetzt gleich in entsetztes und entrüstetes „Ahh!“ und „Ohhh! – Der arme unterdrückte Hund!!!“ ausbrechen:

Das Herunterdrücken ist hier eine ganz klare Dominanzgeste. Und Dominanz ist für den Hund keineswegs etwas grundsätzlich Schlimmes oder mit Unterdrückung gleichzusetzen, sondern sie ist Ausdruck von Stärke. In einer bestimmten Situation und personellen Konstellation. Und sie ist Ausdruck der Kompetenz des dominanten Individuums, das weiß, was in dieser Situation wichtig / richtig und zu tun ist. Für den Hund bedeutet diese dominante Haltung in einer angstbeladenen Situation daher Schutz durch die Stärke und Kompetenz seines Hundeführers! Und genau das ist es, was der Hund braucht und sucht. Man darf diese Geste allerdings nicht missbrauchen – für Ausnahmesituationen wie diese und richtig eingesetzt ist sie jedoch angemessen und gut! Sie vermittelt dem Hund: Verhalte dich ruhig und schaue dir an, was ich mache.

Versetzen Sie sich gedanklich einfach mal selbst in eine Situation, in der Sie Angst hätten. Wen hätten Sie lieber an Ihrer Seite?

  • Jemanden, der sich wie ein Häufchen Elend neben Sie setzt und mit ihnen gemeinsam jammert, heult und vor Angst mit den Knien schlottert?
  • Jemanden, der Ihnen übers Haar streichelt, Ihnen Bonbons in den Mund schiebt und in einem fort bedauert, was für ein armes Würstchen Sie doch sind?
  • Oder vielleicht lieber jemanden, der sich aufrecht und selbstsicher neben Sie stellt, festhält und mit fester Stimme und unmissverständlich sagt, dass ER weiß, was in dieser Situation zu tun ist und das nun für Sie beide regelt?

Jedes Mal, wenn der Hund aber bei einem entsprechenden Reiz, also einem Böller, Heuler usw. ordentlich sitzenbleibt, ist überschwängliches Lob fällig. Verbal, Streicheln oder was auch immer – keinesfalls irgendwelche Leckerli! Erstens wird der Hund, wenn er aufgeregt ist, normalerweise ohnehin kein Leckerli fressen wollen und zweitens wäre es auch kontraproduktiv. Es könnte allenfalls passieren, dass der Hund sich dann vor lauter Aufregung sogar übergibt und dieses negative Ergebnis dann zusätzlich noch damit verbindet!

Ab und zu geht man mal ein bisschen – ein paar Meter reichen. Dabei sieht man schon ganz gut, wie aufgeregt der Hund ist oder ob er schon ruhiger wird. Wichtig dabei: Der Hund sollte immer nah am Bein bleiben!

Dann wiederholt man das Ganze. Und zwar so lange, bis der Hund nicht mehr überreagiert. Wenn ein Kracher in unmittelbarer Nähe, also im Umkreis von 2 bis 3 Metern, ankommt, darf der Hund natürlich mal kurz aufspringen und sich dann auf der anderen Seite wieder hinsetzen. Er muss sich ja ggf. in Sicherheit bringen können und dürfen. Er darf den Kracher auch mal kurz wütend anbellen.

Das kann man gut und gerne jede zweite Stunde bis zum Höhepunkt des Feuerwerks wiederholen.

So lernt der Hund, dass sein Besitzer kompetent mit dieser Situation umgeht und er sich beim Hundeführer sicher und beschützt fühlen kann. Ein Hund, der das gelernt hat, wird auch in Zukunft, falls er sich in irgendeinem anderen Zusammenhang evtl. mal erschrecken sollte, nicht WEG-laufen, sondern zu seinem Besitzer HIN-laufen. Weil er nämlich weiß, dass er dort Schutz findet!

Mit dieser Methode habe ich selbst bei meiner alten Sofie, die eine sehr ausgeprägte regelrechte Angsthündin war, gute Fortschritte erzielt.

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