Steckbrief Wolfsspitz / Keeshond

(mit geschichtlichen und aktuellen Eckdaten)

Die offizielle Aussage lautet: Es sind alles Wolfsspitze. Und Wolfsspitze nennt man im Ausland Keeshonden.

Die inoffizielle Aussage lautet: Es gibt zwei verschiedene Zuchtlinien, die sich entweder an der klassischen Deutschen Wolfsspitzlinie orientieren oder an der hauptsächlich im Ausland gezüchteten Linie der Keeshonden.

Äußere Erscheinung

Wolfsspitze/Keeshonden werden im Verein für Deutsche Spitze (VDH) ausschließlich in der Farbe „grau gewolkt“ gezüchtet, in den Vereinen außerhalb des VDH finden sich inzwischen wieder vereinzelt auch braun gewolkte und andersfarbige Wolfsspitze (siehe: „Geschichte der Spitze – Jagen? Wachen? Hüten? – Jobs for Dogs!„: „Der Wolfsspitz„). In früheren Zeiten waren auf Bauernhöfen auch vielfach grau gewolkte Wolfsspitze mit dunkelbraunem Einschlag verbreitet, die im VDH allerdings schon sehr früh aus der Zucht ausgeschlossen wurden. Möglicherweise kann die sog. „Dissidenz-Zucht“ auch diesen uralten Farbschlag in den nächsten Jahren wieder etwas mehr beleben. Daneben gibt es einen westfälischen Landschlag – den sog. „Schwarzen Wolfsspitz“ mit überwiegend schwarzem Deckhaar (mit oder ohne weiße Abzeichen) und grauer Unterwolle, der Größe und Massivität des alten Wolfsspitztypus mit dem Temperament des schwarzen Großspitzes vereinigt. In der Spitz-Datenbank werden die schwarzen Wolfsspitze i. d. R. heute allerdings meist den schwarzen Großspitzen zugeordnet.

Die Widerristhöhe beim Wolfsspitz/Keeshond beträgt, lt. FCI-Standard, 49 (± 5) cm, sehr vereinzelt finden sich aber auch noch nach altem Muster gezogene Wolfsspitze bis zu 60 cm.

Der Körperbau ist quadratisch (Länge des Hundes = Rückenhöhe) und die Hinterläufe sind nur mäßig gewinkelt.

Das doppelte Fell unterscheidet sich vom einfachen dichten und langen Fell dadurch, dass die Haarlänge des Unterhaares nur unwesentlich von der des Deckhaares abweicht. Während bei anderen langhaarigen Hunden die Dichte (=Anzahl) der Haare zwar unmittelbar oberhalb der Haut sehr hoch, wegen der kürzeren Unterhaare darüber aber erheblich geringer ist, ist die Felldichte beim Spitz auf der gesamten Länge des Fells sehr hoch. Dadurch weist selbst das Sommerfell, sofern es korrekt gepflegt und nicht fälschlicherweise vollständig ausgebürstet wird, immer noch so viel (bzw. lange) Unterwolle auf, dass es steht (nicht hängt oder anliegt!) und somit sowohl im Sommer, als auch im Winter eine isolierende Schicht um den Körper bildet, die vor Hitze, Kälte und Nässe schützt, gleichzeitig aber äußerst pflegeleicht ist. Eine wichtige Voraussetzung dazu ist allerdings, dass das Deckhaar kräftig, fest und „harsch“ und nicht durch fehlerhafte Zucht oder Haltung (z. B. durch Anziehen von Hundemänteln) zu dünn und zu weich ist. Beim klassischen (!!!) „Westfalen“ ist die Unterwolle im Gegensatz zu den anderen Wolfsspitzen überwiegend oder vollständig glatt und somit wesentlich pflegeleichter.

Ist die Unterwolle kürzer, hat der Hund Langstockhaar und nicht das vorgeschriebene doppelte Fell!

Weitere typische Merkmale sind der dreieckige fuchsartige Kopf (Verhältnis von Fang zu Oberkopf ca. 2 : 3), der bei Wolfsspitzen und Keeshonden meist etwas gestreckter ausfällt, mit kleinen und spitzen Stehohren (sog. „Efeu-Ohr“), sowie die kurzen, runden und steil aufgestellten sog. „Katzenpfoten“.

Herkunft und Verbreitung

Die im Zusammenhang mit dem Spitz gern zitierte und immer noch weit verbreitete Urhund-Theorie Theophil Studers, nach der der Spitz vom steinzeitlichen Torfhund „Canis palustris familiaris Rüthimeier“ abstammen soll, ist bereits seit 1997 durch genetische Untersuchungen widerlegt. Richtig ist:

Spitzartige Hunderassen kamen ursprünglich in ganz Europa, Asien, Afrika und Indien vor – heute sind sie weltweit verbreitet. Die genaue Herkunft des Spitzes (allgemein) ist teilweise ungeklärt, wie die anderer Hunderassen auch. Anhand vielfältiger, teils antiker, Abbildungen, Figuren usw., sowie erbgutanalytischer Untersuchungen lässt sich allerdings nachvollziehen, dass es sich bei den Spitzen um eine der ältesten und ursprünglichsten Hunderassen handelt, wobei insbesondere der Wolfsspitz, wie er noch vor rd. 100 Jahren hier gezüchtet wurde, zusammen mit dem grauen Elchhund aller Wahrscheinlichkeit nach die älteste Mitteleuropäische Hunderasse überhaupt ist. (Siehe „Die Geschichte der Spitze„: „Ein aufsteigender Stern„)

Von der FCI (Federation Cynologique Internationale) wird offiziell Deutschland als Ursprungsland des Deutschen Spitzes benannt. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil der Deutsche Spitz sich von allen anderen Spitz-Varietäten dadurch unterscheidet, dass die ausländischen Spitze immer auch jagdliche Verwendung fanden, was sich nicht nur auf das Verhalten, sondern auch auf den Körperbau auswirkt.

Eigenschaften

Deutsche Spitze sind traditionelle Wachhunde mit sehr enger Beziehung zu ihrer Familie und ihrem Territorium. Sie sind seit je her bekannt für ihre gute Wachsamkeit und Unbestechlichkeit. Bei  einer einem Wachhund angemessenen Erziehung sind sie normalerweise weit weniger bellfreudig als andere Hunde. Insbesondere die Wolfsspitze sind in dieser Hínsicht etwas gemäßigter/gemütlicher als ihre Verwandschaft und agieren eher nach dem Motto „In der Ruhe liegt die Kraft!“

Besonders angenehm ist der fehlende oder sehr selten auftretende und vorwiegend durch Haltungs-, aber auch Zuchtfehler hervorgerufene geringfügige Jagdtrieb, der auch in wildreichen Gebieten entspannte Spaziergänge mit abgeleintem Hund ermöglicht.

Spitze sind zudem „geflügelfromm“, besonders geduldig mit Kindern, hoftreu und witterungsunempfindlich. Im Gegensatz zu Groß- und Mittelspitz zeigt der Wolfsspitz eher selten Interesse an Hütearbeit – nur, wenn er wirklich muss!

Wenn dem Wolfsspitz ein Kommando nicht passt, dann hat man es allerdings mit der Fleisch-gewordenen Sturheit zu tun, während z. B. Groß- oder Mittelspitze eher dazu tendieren, es mit Tricksereien und Raffinesse zu versuchen.

Sprichwörtlich für den Spitz ist seine Reserviertheit und Zurückhaltung gegenüber Fremden, gegenüber der eigenen Familie zeigt er sich jedoch hochsensibel und sehr verspielt. Er ist ein sehr temperamentvoller und trotzdem hingebungsvoller Familienhund. Spitze sind aufgrund ihrer besonderen Cleverness, Schnelligkeit, Wendigkeit und Sprungkraft auch im Hundesport sehr erfolgreich – Ausdauertraining ist für sie allerdings eher ungeeignet.

Besonders typisch für Spitze jeder Größe ist, dass sie sich, angetrieben von ihrer überschäumenden Neugier, ungewöhnlich oft auf die Hinterbeine stellen, leichtfüßig tänzeln und auch laufen oder zweibeinig herumhopsen, um nur ja nichts zu verpassen – der Spaß an vielerlei Kunststückchen ist ihnen in die Wiege gelegt!

Sie haben ein auffallend gutes Gedächtnis und sind sehr selbstbewusste, manchmal auch eigensinnige Persönlichkeiten.

Geschichtliche und aktuelle Eckdaten

Wolfs- und Großspitze wurden bis 1965 gemeinsam gezüchtet. Das heißt, dass man zwar reine Wolfs- und Großspitze gezüchtet hat, es aber auch gemischte Würfe gab. Eine strikte Abgrenzung gab es zwischen beiden Varietäten nicht, wovon beide nicht nur in genetischer Hinsicht profitierten, sondern nicht selten auch ganz gezielte Verpaarungen stattfanden zur Steigerung der Schärfe, die in früheren Zeiten besonders für Wolfsspitze ein wichtiges Auswahlkriterium war. Als größte Verteter der Spitze waren sie im Schutzdienst, beispielsweise bei der Polizei, sehr gefragt und daher wurden Wolfsspitze mit entsprechender Ausbildung besonders hervorgehoben. Die im Vergleich zu den ebenfalls recht beliebten Schäferhunden größere Selbständigkeit und Entscheidungsfreudigkeit der Spitze kann in dieser Hinsicht nämlich ein Vorteil sein, aber auch ein Nachteil. Vorteilhaft ist, dass ein Spitz im Ernstfall nicht zwangsläufig ein Kommando abwartet, welches sein Hundeführer vielleicht nicht (mehr) geben kann, sondern selbst entscheidet – nachteilig ist, dass ein Spitz bei nicht ausreichend konsequenter Führung dadurch auch ggf. „aus dem Ruder“ läuft und allzu eigenmächtig handelt. Eine derartige Ausbildung stellt also an den Hundeführer weit höhere Ansprüche als die eines Schäferhundes! (Genau diese Eigenschaft machte den besonders temperamentvollen schwarzen Westfalen dort so beliebt, aber auch berüchtigt, der auf den oft sehr weitläufigen Höfen bei Abwesenheit des Bauern zur „Höchstform“ auflief.)

Insgesamt sind die heutigen Wolfsspitze im Durchschnitt weniger scharf als in früheren Zeiten, was vermutlich auch an der Einzucht der Keeshonden liegt. Da aber sehr viele Halter inzwischen mit den tw. überbordenden Fellmengen der Keeshonden „kämpfen“ (Man möchte seinen Hund ja nicht nur angucken, sondern muss ihn auch angemessen pflegen können), nimmt die Beliebtheit der ursprünglicheren Wolfspitzlinie mit eher moderatem Pelz eindeutig zu. Wie oben ausgeführt, werden auch alte Farbschläge wieder populärer. Mit etwas mehr Offenheit und Zuchtlenkung ließe sich ggf. eine gute Kombination der verschiedenen Zuchtlinien erreichen, die der Beliebtheit des Wolfsspitzes mit Sicherheit nicht abträglich wäre…

Bibliografie

Die Angaben mit vorangestellter Jahreszahl beziehen sich auf wissenschaftliche Publikationen, die mit vorangestelltem Namen des Autors/der Autoren/Herausgebers auf Bücher.

Dieses und weiteres Material finden Sie unter: Deutscher Spitz – Infozentrum (Sofern es nicht ausschließlich käuflich zu erwerben ist!)

Drossard, Hartwig: Spitze sind spitze, Kynos-Verlag, Mürlenbach, 1999

Götz, Theodor: Hunde-Gallerie oder naturgetreue Darstellung des Hundes, Verlag der Kunsthandlung von Eduard Lobe, Weimar, 1838

Hennecke, Joseph: Der Deutsche Spitz, Buchreihe Freund Hund, Bd. 18, herausgegeben unter dem Patronat und im Auftrage des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH) e. V. vom Verein für Deutsche Spitze e. V. 1899, Otto Meissners Verlag, Schloß Bleckede an der Elbe, 1962

Jäger, Werner: Der Deutsche Spitz, Buchreihe Freund Hund, Bd. 18, herausgegeben unter dem Patronat und im Auftrage des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH) e. V. vom Verein für Deutsche Spitze e. V. 1899, Otto Meissners Verlag, Schloss Bleckede an der Elbe, 1977

Krichler, Franz: Katechismus der Hunderassen, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber, Leipzig, 1892

Reichenbach, P. G. Ludwig: Der Naturfreund – Naturgeschichte des In- und Auslandes, Verlag der Expedition des Naturfreundes, Leipzig, 1834

Strebel, Richard: Die Deutschen Hunde, Bd. I, Verlag Eduard Koch, München, 1904

Umlauff, Gerda M.: Unsere Spitze, Lehrmeister-Bücherei Nr. 522, Albrecht Philler Verlag, Minden 1977